„Wo ist der Junge? Wo ist er? “
Sommer 2008
 
Es war in den Sommerferien. Mit meinen beiden Kindern nahm ich an Familienexerzitien teil. Morgens – nach Messe und Frühstück – kam zuerst einmal eine frohe Singstunde. An einem dieser Morgen nun, mitten in der Freude der Lieder und des Sonnenscheins, überfiel mich jäh und angstvoll die Frage: „Wo ist der Junge? Wo ist er?“ Seit dem Aufstehen hatte ich ihn nicht mehr gesehen – aber das war doch nichts Besonderes; in den letzten Tagen war es immer so gewesen. Man konnte ihn ruhig gehen lassen; schließlich war er fast zwölf Jahre und war das Umherstreifen gewöhnt. An den anderen Tagen hatte ich mich nicht gesorgt – warum plötzlich heute? Da war etwas: Ich spürte, dass ihm Gefahr drohen musste; ich wäre am liebsten aufgesprungen und aus der Versammlung gelaufen, aber ich wusste im gleichen Augenblick, dass es sinnlos gewesen wäre. Wohin denn wollte ich laufen?

In dieses verzweifelte Gefühl der Ohnmacht leuchtete plötzlich ein Trost: aber er hatte doch
seinen Schutzengel! Ihn kannst du erreichen! So richtete ich meine ganzen Gedanken auf den Engel und flehte ihn mit aller Kraft meines Herzens an, meinen Jungen zu behüten, zu behüten, zu behüten ... Nichts mehr hatte Raum in mir als dieser eine inbrünstige Anruf: „Bewahre ihn, hilf ihm! Schütze ihn!“

Zwischen Singen und Vortrag war eine kurze Pause. Da sah ich den Jungen auf einer Diele sitzen, mit anderen Kindern um einen Tisch beim Gesellschaftsspielen. Verwundert schüttelte ich den Kopf über mich selbst, ich hatte mich vollkommen unnötig aufgeregt!

Nach dem Mittagessen kamen beide Kinder zu mir aufs Zimmer. Der Junge drückte sich am Tisch herum und schob sich dann vor mich hin. „Du, Mutti!“ Ich saß auf der Bettkante und sah zu ihm auf. „Ja, Kind?“ „Denk mal, Mutti“, sagte er leise, „heute morgen hätte ich mich beinahe selber umgebracht.“ Nun gab es mir doch einen Ruck. „Wieso?“ „Ja, weißt du“, begann er, „ich hab doch mein Messer –“ Das Messer! – durchfuhr es mich. Vor einer Woche hatte ich es ihm gekauft auf sein inständiges Bitten hin als Geschenk zum Namenstag – kein einfaches Taschenmesser, sondern ein größeres, feststehendes. „Ja“, fuhr er fort, „ich habe mit dem Messer gespielt. Wir waren in der Schlucht. Die anderen bauten Dämme unten am Bach, ich war allein oben sitzen geblieben. Vor mir war ein Baum, nach dem habe ich mit dem Messer geworfen. Aber es blieb nicht im Stamm stecken, wie es sollte, es prallte ab und fiel herunter. Die Erde war weich, und das Heft bohrte sich tief hinein. Die Schneide stand senkrecht nach oben. Ich wollte es holen da sah ich, dass an meiner Sandale etwas nicht in Ordnung war. Ich zog sie aus und bog die Schnalle wieder zurecht. Da habe ich für den Augenblick das Messer ganz vergessen. Als ich dann aufstand und zu den anderen wollte, rutschte ich auf den glatten Blättern aus und fiel vornüber – genau auf das Messer.“

Meine Blicke suchten hastig den Oberkörper des Jungen ab. „Und?“ fragte ich beklommen. „Es traf gerade hierhin“, sagte er, und zeigte auf die Hirschhornschnitzerei am Querriemen der ledernen Hosenträger. Ich wurde blass. Das beinerne Oval saß eine Handbreit unter der Halsgrube. „Kind“, sagte ich, „da hast du „ „ja, ich habe Glück gehabt, an dem Horn siehst du nur einen Kratzer.“
Da zog ich den Jungen an mich. „Nicht wahr, das war während der Singstunde?“ „Ja“, stammelte er erschrocken, „sie konnte noch nicht lange angefangen haben. Kurz vorher hatte ich das Zusammenläuten gehört. Woher weißt du das so genau?“

„Ich habe es gefühlt“, und ich erzählte ihm von meiner Angst und von meinem Gebet. Da wurden seine Augen groß und bekamen einen feuchten Glanz. Er legte die Arme um meinen Hals und drückte mich stumm an sich. „Junge“, sagte ich, und strich ihm ergriffen über das Haar, „bedanke dich bei deinem Schutzengel! Er ist heute spürbar bei dir gewesen. Vergiss nie, zu ihm zu beten, morgens und abends! Hörst du! So ein Kerl wie du hat das schon sehr nötig.“

Er schaute mich stumm an, nickte ein paar Mal vor sich hin. Dann tat er einen tiefen Atemzug und ging schnell hinaus zu den anderen.


(nach: A.M. Weigl, Schutzengelerlebnisse, Verlag St. Grignionhaus Altötting 1980, S. 42ff.)