September 2009
Abbé Mirot saß auf einer
Parkbank in Paris und betete Brevier. Er merkte nicht, wie
ein Landstreicher neben ihm Platz nahm. „Hochwürden, ich
bin einmal Priester gewesen“, sagte der Vagabund. - Der
Priester erschrak: „Priester? Und was sind Sie jetzt?“ -
„Jetzt bin ich nichts.“
Er holte tief Atem und erzählte: „Ich war der Jüngste von
sieben Kindern. Meine Mutter hatte gelobt, mich dem Dienste
GOTTES zu weihen. Wenn sie mich nach meiner Zustimmung
fragte, sagte ich: „Ja“. Wenn ich aber in den Ferien vom
Priesterseminar bei meinen Eltern weilte, wurde ich so
magnetisch von der Welt angezogen, dass ich zweifelte, ob
mich GOTT zum Priestertum berufen habe. Ich nahm mir vor,
mit meiner Mutter darüber zu reden. Vorsichtig begann ich,
als wir einmal spazieren gingen. Sie blieb wie gebannt
stehen. Ihr Blick war verstört. Etwas wie Irrsinn flackerte
in ihren Augen. Ich brach ab und ging zu einem anderen
Thema über. Voll Schrecken erkannte ich, dass ich mit der
Aussprache zu lange gewartet hatte. Ich fand nicht den Mut,
der Mutter und dem Regens eine Enttäuschung zu bereiten,
denn ich übertraf alle Alumnen an Kenntnissen.
So wurde ich geweiht und bin ein schlechter Priester
geworden, bin gefallen und wurde suspendiert. Zum Glück
erlebte die Mutter dies nicht mehr. - Ich unterwarf mich
nicht den Forderungen meiner kirchlichen Oberen, hing
meinen Priesterrock an den Nagel und wählte die Freiheit.
Freiheit habe ich gesucht, Knechtschaft gefunden.“ Der
Priester legte seine Hände vor die Augen und weinte. Abbé
Mirot fragte ihn: „Warum sprachen sie nun mich an?“ - „Eine
innere Stimme hat mir zugeflüstert: geh und vertraue dich
diesem Mann an! Er wird dir helfen. Vielleicht war es die
Stimme meines Schutzengels. Ich bete täglich zu ihm. - O
könnte ich noch mal von vorn beginnen! Es sollte alles
anders werden!“
Abbé Mirot war bereit ihm zu helfen und neu zu beginnen.
Nach einem Jahr wurde der Vagabund Mesner, trat später als
Bruder in ein Kloster ein, wirkte mit einem Eifer, der alle
in den Schatten stellte. Er glich einem Krieger, der - zu
Anfang der Schlacht geflohen - zurückgekehrt um so tapferer
kämpfte. Nach einem Jahr der Bewährung wurde er als P.
Ludwig in das Kloster aufgenommen.
Erster Wegbereiter zur Umkehr aber wurde der heilige
Schutzengel. Ihm gebührt besonderer
Dank!
A. M. Weigl, Schutzengelerlebnisse, Verlag St. Grignionhaus 1980.15, S. 132ff (gekürzt)