Dezember 2009
Pater Kamp hatte eine
anstrengende Tagesarbeit im Beichtstuhl hinter sich und
wollte sich gerade zu Hause eine kleine Erholung gönnen,
als eine Stimme ihn anrief. Er trat ans Fenster, sah aber
niemand. Die Stimme sagte: „Gehen Sie nach Tanipuay, dort
bedarf ein Kranker der Stärkung zur letzten Fahrt.“ Alsbald
machte sich Pater Kamp in Begleitung seines Dieners auf den
Weg. Als sie am bezeichneten Ort ankamen, lag dort alles in
süßem Schlummer. Der Missionar begab sich zum Ortsvorsteher
und fragte bei ihm an, wo der Kranke sich befinde, zu dem
er gerufen sei; doch der wusste nichts von einem solchen.
So entschloss sich der Pater wieder zur Umkehr. Allein, wie
erstaunte der gute Diener, als er aufs neue geweckt wurde,
um nochmals mit nach Tanipuay zu gehen; wiederum nämlich
hatte die Stimme den Missionar gerufen. Der Ortsvorsteher
war nicht wenig ungehalten, als er zum zweiten Mal in
seiner Nachtruhe gestört wurde, aber er konnte auch jetzt
nur den gleichen Bescheid wie vorhin geben, nämlich, dass
ihm von einem Kranken absolut nichts bekannt sei. So musste
er denn zum zweiten Mal unverrichteter Dinge in seine
Station zurückkehren. Als er aber, ärgerlich über den
vermeintlichen Schabernack, todmüde das Lager aufsuchen
wollte, ließ sich der geheimnisvolle Rufer ein drittes Mal
hören. Und wieder ging‘s durch die windkühle Nacht über
mondbestrahlte Felder und Sümpfe. Das Flüsschen war in der
gleichen Nacht zum dritten Male durchwatet, da ertönte die
Stimme von neuem. Der Priester folgte der Richtung, aus der
sie kam, während sich der Diener zitternd an sein Kleid
klammerte. Bald standen sie vor einer kleinen Hütte, in der
ein Mann, einsam und verlassen, im Sterben lag.
Als er des Priesters ansichtig ward, sagte er: „Pater, ich
wusste, dass Sie kommen würden. Fünfzig Jahre betete ich
morgens und abends zu meinem Schutzengel um die Gnade der
heiligen Wegzehrung in der Todesstunde. Jedes Jahr habe ich
eine heilige Messe lesen lassen zu seiner Ehre“, stammelte
er.
Der Missionar hörte sogleich seine Beichte und reichte ihm
darauf die heilige Wegzehrung. Bald darauf ging der
Sterbende, gestärkt durch die Tröstungen der Kirche, zur
ewigen Ruhe ein. Fünfzig Jahre also hat dieser Mann Tag für
Tag zu seinem Schutzengel gebetet, dass er ihm in der
Todesstunde beistehe und ihm auch noch die letzte Gnade,
die heilige Wegzehrung erflehe, und er hat, wie wir sehen,
nicht umsonst gebetet. Sein Schutzengel selbst war es, der
den Priester ans Krankenbett rief. Der Priester aber durfte
durch den dreimaligen nächtlichen Versehgang dem Sterbenden
große Gnaden bringen.