Der Dieb und
das Kind
März
2005
Vielen Menschen ist nur das
Eingreifen der hl. Schutzengel bei einer Notsituation, etwa
in Straßenverkehr bekannt. Die hl. Engel kümmern sich aber
auch um unser geistliches Heil. In dieser Begebenheit ist
beides vereint - doch lesen Sie selbst…
Am 16. August 1936 beehrte ein Einbrecher die in
Alt-Buchhorst bei Grünheide am See gelegene Villa des
Lederwarenfabrikanten Hermann Möbius. Das vierjährige
Töchterchen Helga schlief im Kinderzimmer. Der schon
mehrmals wegen Einbruchs und Diebstahls vorbestrafte
Friedrich Metzler stieg durch den Garten auf die Terrasse,
und von dort kletterte er auf einen Balkon und stieg durch
ein Fenster in die im ersten Stockwerk gelegene Wohnung
ein. Dort erbrach er einen Schreibtisch, zwei Kästen und
erbeutete einige nicht besonders wertvolle Schmucksachen.
Plötzlich stand die kleine Helga im Nachthemdchen vor dem
Einbrecher.
„Was tust du hier?“ fragte das Kind. (So schilderte es
später Metzler vor der Kriminalpolizei.) „Ich suche den
Schmuck, den deine Mutti hier irgendwo haben muss.“ „Muttis
Schmuck?“ wiederholte das kleine Mädchen, „der ist dort, wo
Vati sein Geld hat.“ „Und wo hat dein Vati sein Geld?“ „Das
sage ich dir nicht“, erwiderte die Kleine, „du bist sicher
ein Dieb!“ Daraufhin packte der Einbrecher das Kind bei den
Schultern. „Wenn du nicht sagst, wo dein Vati das Geld hat,
schneide ich dir den Hals ab.“ „Das darfst du nicht tun“,
sagte die kleine Helga. „Warum darf ich das nicht?“ „Das
erlaubt mein Schutzengel nicht.“ „Und wo hast du deinen
Schutzengel, he?“
Helga führte den Einbrecher in ihr kleines Kinderzimmer
und zeigte auf das Bild des Schutzengels an der Wand. „Ich
bete ja immer zu ihm“, meinte das Kind. Da verspürte der
Einbrecher etwas Feuchtes in seinen Augen. In ihm stiegen
Erinnerungen auf an seine eigene Kindheit, Erinnerungen an
seine längst verstorbene Mutter ... Hatte er nicht auch
einmal einen solchen Schutzengel über seiner armseligen
Liegestatt hängen gehabt?
"Es ist gut“, sagte Metzler und ging aus dem Zimmer. Er
schob den Haufen gestohlener Schmucksachen verächtlich mit
dem Fuß beiseite, die zum Einpacken bereit am Boden lagen.
Dann kletterte er wieder vom Balkon in den Garten, ohne
etwas mitgenommen zu haben. Dabei wurde er von der
Polizeistreife überrascht und festgenommen. Erst später
wurde Metzlers Aussage bestätigt durch die Zeugenaussage
des Kindes und durch das zurückgelassene Diebesgut.
Aus: A.M. Weigl, Schutzengelgeschichten,
Grignion Verlag, S. 64f.