Wenn es halb zehn Uhr wird...
Dezember 2005

Es war anlässlich einer Volksmission. Eine Frau aus einem Nachbarort suchte einen bestimmten Pater auf. „Hochwürden, Ihr Rat, die heiligen Schutzengel der Umwelt anzurufen, hat sich schon bewährt. Mein Mann ging nicht alle Tage ins Gasthaus. Aber wenn er ging, kam er meistens spät in der Nacht betrunken heim. Nun hörte ich Ihren Rat: Besucht der Mann das Gasthaus, soll die Frau zu Hause seinen Schutzengel und die Engel seiner Tischgesellschaft grüßen und bitten. Sofort befolgte ich den Rat. Seit einiger Zeit nun kommt mein Mann um zehn Uhr heim, ist guter Dinge und nicht berauscht. Jüngst sagte er: ‚Frau, ich weiß gar nicht, was das ist.

Wenn es auf halb zehn Uhr geht, dann werde ich unruhig. Es treibt mich förmlich fort, das Bier schmeckt mir nimmer, die Gesellschaft passt mir nimmer. Es ist, wie wenn mich jemand fortziehen wollte. Da muss es mir am Herzen fehlen. Ich muss doch mal zum Doktor gehen.‘ - ‚O, dir fehlt nichts, du bist kerngesund, ich kenne dich doch schon lange. Geh nur immer gleich heim, das tut dir am besten.‘“ Die Frau gestand: „Diese Unruhe kommt nach meiner Überzeugung vom heiligen Schutzengel. Denn während der Mann im Gasthof war, habe ich zu Ehren seines Schutzengels und der heiligen Engel aller im Gasthaus den schmerzhaften Rosenkranz gebetet, damit mein Mann sich wirklich erhole und abspanne, aber nicht der Trunksucht verfalle.“

Aus: P. Gerard Stegmiller,
Der Schutzengelpater erzählt, Abensberg, Kral-Verlag, S. 14.