Warum
verehren wir die hl. Engel?
September 2004
In unserer Zeit werden wir immer wieder mit der Frage
konfrontiert, ob es die Engel überhaupt gibt und warum wir
sie brauchen. Selbst in der katholischen Kirche gibt es
Stimmen, die meinen, man müsse sich doch mit so
nebensächlichen Themen der Theologie nicht beschäftigen. Es
gäbe wahrhaft wichtigere Dinge zu bedenken und zu tun.
Freilich ist unser Herr Jesus Christus, der Sohn des ewigen
Vaters, Der zu unserem Heil Mensch geworden ist und Der für
uns am Kreuz gestorben ist, Mittelpunkt unseres Glaubens.
Dieses Geheimnis wird täglich in unserer Mitte gegenwärtig
gesetzt bei der Feier des heiligen Messopfers. Christus ist
aber auch das Zentrum der Engelwelt. Sie sind Sein, weil
sie durch Ihn und auf Ihn geschaffen sind und weil Er sie
zu Boten Seines Heilsplanes gemacht hat. (vgl.
Katechismus der
Katholischen Kirche = KKK 331) Sie künden das Heil an
und dienen dem göttlichen Plan es zu verwirklichen. (vgl.
KKK 332) „Von der Menschwerdung bis zur Himmelfahrt ist das
Leben des fleischgewordenen Wortes von der Anbetung und dem
Dienst der Engel umgeben.“ (KKK 333) Die heiligen Engel
wollen uns helfen, dass wir den Heilsplan noch tiefer
erfassen und wirksamer entsprechen.
Mit diesem Rundbrief beginnt eine neue Reihe geistlicher
Unterweisungen, die uns mit der Welt der heiligen Engel und
den gegenseitigen Beziehungen zwischen Mensch und Engel
mehr vertraut machen soll.
Die Existenz der Engel gehört zu den katholischen
Glaubenswahrheiten. Die Welt der Engel ist eine
Wirklichkeit, die uns täglich begegnet, und der wir uns
stellen müssen.
Im Katechismus der katholischen Kirche, der gleichsam einen
Überblick über das Glaubensgut, der katholischen Kirche
gibt, heißt es im Abschnitt über Gott, den Schöpfer: „Das
Apostolische Credo (Glaubensbekenntnis) bekennt, dass Gott
der Schöpfer des Himmels und der Erde ist, und das
Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel ( = das große
Glaubensbekenntnis, das wir normalerweise am Sonntag in der
hl. Messe beten) verdeutlicht: ( Gott ist Schöpfer) der
sichtbaren und der unsichtbaren Welt.” (KKK
325)
Es gibt sie, diese unsichtbare Welt, auch Himmel genannt.
Für einen Christen und Katholiken sollte der Umgang mit
dieser Welt ganz natürlich sein, ja zu unserem täglichen
Leben gehören.
“In der Heiligen Schrift bezeichnet das Wortpaar ‘Himmel
und Erde’ alles, was existiert: Die gesamte Schöpfung”, so
fährt der Katechismus fort (326) . Mit “und” sind beide
Welten verbunden, ‘Himmel und
Erde’, durch ein
Band vereint, aufeinander zugeordnet. Beide Welten haben
miteinander zu tun (vgl. KKK
326)
Die heiligen Engel begegnen uns täglich in der Liturgie und
im persönlichen Gebet:
Christus brachte in Seiner Menschwerdung jenen Hymnus auf
diese Erde mit, der in den himmlischen Wohnungen durch alle
Ewigkeit erklingt. (vgl. 2. Vat. Konzil,
Sacrosanctum
Concilium, Nr. 83) Wir dürfen in der
Liturgie der Kirche in das Lob Christi an den Vater
einstimmen, das Er uns gelehrt hat. Im Stundengebet übt die
Kirche das Priesteramt ihres Hauptes aus und bringt Gott
ohne Unterlass das Lobopfer dar, die Frucht der Lippen ,
die Seinen Namen preisen. Die Kirche stimmt in den
Lobgesang der Schar des himmlischen Heeres mit ein, der im
Himmel durch alle Ewigkeit erklingt. (Vgl.
Allg.
Einführung in das Stundengebet, Nr. 15f.)
Eine Frömmigkeitsform der katholischen Kirche, die uns
täglich in eine persönliche Beziehung zum heiligen Engel
führt, ist der Brauch des sogenannten “Engel des Herrn”.
Dieses Gebet, das wir dreimal am Tage (mit dem
Glockengeläute unserer Pfarr- oder Klosterkirchen)
verrichten, erinnert uns an die Menschwerdung des ewigen
Gottessohnes. Wir nennen es den “Engel des Herrn”, weil es
mit den Worten beginnt: “Der Engel des Herrn brachte Maria
die Botschaft”. Wenn wir dieses Gebet vollziehen im
Gedenken an das Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes
Gottes, richtet sich unser Blick immer wieder in
Dankbarkeit auf den Engel, der Maria die Botschaft brachte,
auf den heiligen Erzengel Gabriel.
Bei der
heiligen Messe
Aber
nicht nur beim “Engel des Herrn” erinnern wir uns an die
Existenz der Engel - bei jeder heiligen Messe stellt die
Einleitung zum Hochgebet, die sogenannte Präfation, eine
Verbindung zu den heiligen Engeln her, deren Chöre oft auch
namentlich genannt und aufgezählt werden, und fordert uns
auf, in tiefer Ehrfurcht mit ihnen den unendlichen Gott
anzubeten mit jenem Gebet, das uns aus Engelsmund
zugekommen ist: Dem dreimal Heilig: Die Heilige Schrift
erzählt uns, dass Jesaja, als er eines Tages betend im
Tempel weilte, seine Berufung zum Propheten während
folgender Vision erhielt:
“Im Todesjahr des Königs Usija sah ich den Herrn. Er saß
auf einem hohen und erhabenen Thron. Der Saum seines
Gewandes füllte den Tempel aus. Seraphim standen über ihm.
Jeder hatte sechs Flügel: Mit zwei Flügeln bedeckten sie
ihr Gesicht, mit zwei bedeckten sie ihre Füße, und mit zwei
flogen sie. Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig
ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die
ganze Erde erfüllt. Die Türschwellen bebten bei ihrem
lauten Ruf, und der Tempel füllte sich mit Rauch.”
(Jes 6,1-4)
Der hier genannte Rauch ist einerseits Bild für das
aufsteigende Gebet, andererseits weist er auf Gott als
Geheimnis hin. Gott ist verhüllt, Gott ist unergründlich,
d.h. seine Größe und Schönheit kann ein Geschöpf nicht
fassen. Es kann sich nur in Ehrfurcht und Liebe nahen. Der
Rauch hat hier also nichts mit einem Qualm zu tun, sondern
mit Weihrauch, der Gott anbetend dargebracht wird, und mit
einem Schleier, der Sein Geheimnis umgibt. Die Seraphim
gelten als die höchsten Engel, die der Unergründlichkeit
Gottes am nächsten stehen und darum die Größe und
Heiligkeit Gottes am meisten erkennen. Von ihnen haben wir
jenes Gebet übernommen, das in jeder heiligen Messe den
Höhepunkt des Geschehens einleitet.
Im ersten Hochgebet bittet der Priester nach der heiligen
Wandlung Gott, dass Sein heiliger Engel das gegenwärtige
Opfer Jesu Christi auf den himmlischen Altar empor tragen
möge.
Beim Schuldbekenntnis der heiligen Messe werden die Engel
wie selbstverständlich um ihre Fürbitte vor Gottes Thron
für uns sündige Menschen gebeten.
Feste der heiligen Engel
Auch
im Stundengebet der Kirche haben wir immer wieder Hinweise
auf die heiligen Engel. Wir feiern das Fest der drei
heiligen Erzengel Michael, Gabriel und Raphael am 29.
September und das Fest der heiligen Schutzengel am 2.
Oktober und singen in der Liturgie dieser Feste eine Reihe
von herrlichen Hymnen zum Lob der heiligen Engel.
In der
Begräbnisliturgie
Reich
entfaltet sich der Kult der Engel endlich auch in der
Sterbe- und Begräbnisliturgie der Kirche: z. B. im Hymnus
nach dem Requiem: Zum Paradies mögen Engel
dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich
führen in die heilige Stadt Jerusalem. Die Chöre der Engel
mögen dich empfangen, und durch Christus, der für dich
gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen.
Die
heiligen Engel werden hier nicht genannt, um eine
sentimentale Stimmung aufkommen zu lassen oder einen Mythos
zu beschwören. Ganz schlicht wird die Realität der
himmlischen Welt präsentiert. Aus dieser Liturgie geht
hervor, dass wir einmal einen ganz vertrauten Umgang mit
den Engeln im Himmel haben werden. Sodann sei noch
angefügt, dass der Dienstag als Wochentag den heiligen
Engeln geweiht ist, der Monat September den heiligen
Schutzengeln.
Das waren nur einige wenige Beispiele aus
dem kirchlichen Leben, die uns die Wirklichkeit der
geistigen Welt vorstellen.
Eine Glaubenswahrheit aus dem Gefüge des ganzen Gebäudes
des Glaubensgutes herauszunehmen, zu leugnen, ist sehr
gefährlich. Da geht es dann wie bei einem irdischen
Bauwerk. Solange es unbeschädigt ist, ist es stabil. Nimmt
man aber einen Stein heraus, beginnt es, brüchig zu werden.
Vielleicht am Anfang langsam, aber mit der Zeit wird der
Bruch größer und es gibt schließlich doch einen großen
Schaden.
Es gilt auch heute noch das uralte Prinzip: „Lex credendi
– lex orandi“, was frei übersetzt heißt: Wie die Kirche –
vor allem in ihrer Liturgie – betet, so glaubt sie auch.
Nun weist die heilige Kirche aber täglich in ihren
liturgischen Handlungen und Worten auf die heiligen Engel
hin und ruft sie an, vor allem in der heiligen Messe. Wir
glauben, dass die Kirche als Hüterin des Glaubensgutes und
als authentische Interpretin der göttlichen Offenbarung
nicht irrt, auch dort nicht, wo sie voll Überzeugung zur
Existenz der himmlischen Geister steht, die in der Heiligen
Schrift Engel genannt werden.
Der Schriftsteller und Dichter Reinhold Schneider schreibt
in seinem Buch “Der Priester im Kirchenjahr der
Zeit”: “Ein Freund, den wir im
Laufe der Jahre vergessen haben, hilft uns nicht in der Not
- und vielleicht könnte doch dieser eine vergessene uns an
einer Stelle unseres Weges beistehen, wo sonst niemand
helfen kann ... Die Freundschaft des besten Freundes, den
Gott uns für Zeit und Ewigkeit geben will, muss erdient und
erbetet, zu einer an Innigkeit sich täglich steigernden
Beziehung erhoben werden. Sie möchte - ähnlich den echten,
auf die Ewigkeit gerichteten Beziehungen der Menschen
miteinander -, zu einem Werk werden, das uns durch alle
Stunden des Lebens begleitet. Wir sollen gleichsam in einem
Wechselgespräch mit unserem Engel leben.”
Die
besten Zeugen für heute oft so willkürlich in Frage
gestellte oder geleugnete Glaubenswahrheiten sind die
Heiligen aller Jahrhunderte der Kirchengeschichte. Nun gibt
es tatsächlich eine Vielzahl von Heiligen, die einen
lebendigen Glauben an die Existenz der Engel hatten, sie
darum auch besonders innig verehrten und oft sogar mit
ihnen einen sehr familiären, spürbaren und bisweilen auch
sichtbaren Umgang hatten.