Die heiligen
Engel in der heiligen Schrift - Teil 5
Dezember 2006
St. Raphael
im Buch Tobit (I)
Wir wollen unsere Wanderung durch das Alte Testament
fortsetzen mit dem Buch Tobit, in dem der Erzengel Raphael
von Gott den Menschen zu Hilfe gesandt wird und durch sein
Wirken alles zum Guten führt.
Kurze
Inhaltsangabe des Buches Tobit
Auf das Gebet des frommen Vaters Tobit sendet Gott den hl.
Engel Raphael, der den jungen Tobias nach Medien geleitet.
Unterwegs lehrt St. Raphael den Tobias, einen gefährlichen
Fisch aus dem Tigris zu fangen; in Ekbatana vermittelt er
die Heirat mit Sara, der Tochter Raguels, die vom Dämon
befreit wird. Nach der Rückkehr werden die erblindeten
Augen des Vaters mit der Galle des Fisches geheilt.
Obwohl Raphael einer von den sieben heiligen Engeln ist,
die „vor die Majestät des Heiligen Gottes treten“
(Tob
12,15), sendet Gott
ihn den Menschen zu Hilfe. In dieser Sendung legt er seine
Herrlichkeit ab und erscheint wie ein Mensch. Dass einer
aus der Reihe der hl. Engel an der Seite eines schwachen,
hilfebedürftigen Menschen wandert, das ist das unerhört
Neue des Buches Tobit. Der Engel ist gewissermaßen zum
Bruder geworden.
Sendung des
Erzengels Raphael
Wir wollen nun einige Stellen aus dem Buch Tobit
eingehender betrachten und versuchen, daraus Lehren und
Hilfen für unser eigenes Geistliches Leben zu ziehen.
Tobit und Sara waren zwei sehr geplagte Menschen.
Tobit
erblindet und
verarmt. Er wurde dann auch noch von seiner Frau mit
Vorwürfen überhäuft: „Wo ist denn der Lohn für deine
Barmherzigkeit und Gerechtigkeit“ (2,14). Dies ging ihm so
nahe, dass er Gott bat, Er möge ihm das Leben nehmen: „Tu
also mit mir, was dir gefällt. Lass meinen Geist von mir
scheiden; lass mich sterben und zu Staub werden! Es ist
besser für mich, tot zu sein als zu leben. Denn ungerechte
Vorwürfe musste ich anhören, und ich bin sehr betrübt. Lass
mich jetzt aus meiner Not zur ewigen Ruhestatt gelangen!
Wende deine Augen nicht von mir ab!“ (3,6) In ähnlicher
Weise ging es Sara.
Sie wurde mit sieben Männern vermählt, die der Dämon
nacheinander alle getötet hatte. Die Mägde haben Sara
Vorwürfe gemacht und ihr den Tod gewünscht. Da hat auch
Sara sich an den Herrn gewandt und gebetet: „Lass mich von
dieser Erde scheiden, damit ich nicht länger solche
Beschimpfungen hören muss. Du weißt Herr, dass ich frei bin
von jeder Sünde mit einem Mann.“ (3,13-14) Im Anschluss an
diese Gebete finden wir die Bemerkung, die uns eine erste
Antwort auf die Frage der Hilfe der heiligen Engel im
geistlichen Leben gibt: „Das Gebet beider, Tobits und
Saras, fand Gehör bei der Majestät des großen Raphael. Er
wurde gesandt, um beide zu heilen.“ (3,16-17; vgl.
12,14-15)
Beide Gebete wurden durch die Hand des Engels zu Gott
getragen, Der es erhört. Der Engel, der von seinem Namen
her schon „Bote“ ist, trägt unser Gebet zu Gott empor.
St. Raphael
als Begleiter des Tobias
Im Buch Tobit geht es folgendermaßen weiter. „Tobias ging
auf die Suche nach einem Begleiter und traf dabei Raphael;
Raphael aber war ein Engel, aber Tobias wusste es nicht.“
(5,4) Tobias sucht also einen Begleiter für die Reise und
fragt Raphael: „Könnte ich mit Dir nach Rages in Medien
reisen? Bist du mit der Gegend dort vertraut?“ (5,5).
Tobias schließt sich dem Ortskundigen an. Tobias will nicht
nur einen Begleiter haben, sondern einen Führer: jemanden,
der ihm den rechten Weg zeigt. So sollte auch unser
Verhältnis zum heiligen Schutzengel sein. Tobias vertraut
sich der Führung des Engels an. Wie ist die Antwort des
Engels? Überaus bescheiden, ganz seinem Wesen entsprechend:
„Ich will mit dir reisen. Ich kenne den Weg und war schon
bei unserem Bruder Gabael zu Gast.“ Der heilige Engel
drängt sich nicht auf. Er ist dem Auftrag Gottes
entsprechend zum Dienst bereit, respektiert aber den freien
Willen des Menschen. Wenn Tobias den Engel Raphael nicht
angesprochen hätte, wäre der Engel nicht in einer so
wundersamen und lehrreichen Weise mitgezogen. Es braucht
also unser Mittun. Natürlich ist unser Schutzengel Tag und
Nacht an unserer Seite, doch Gott will, dass wir ihn
bewusst um seine Hilfe bitten.
Der Name des
Engels
Tobit, der Vater, prüft den Begleiter seines Sohnes genau.
Er will wissen, aus welchem Stamm und welcher Familie er
ist; schließlich freut er sich über die Trefflichkeit des
Begleiters. St. Raphael gibt seine Abstammung an: „Ich
bin Asarja, des großen Hananja
Sohn“.
(5,13) Diese Antwort erweckt den Verdacht, als hätte der
Engel da nicht die Wahrheit gesagt. Das aber ist mit der
Heiligkeit der Engel unvereinbar. Um seine Mission
auszuführen, war es notwendig, dass St. Raphael eine
menschliche Gestalt annahm und auch einen menschlichen
Namen. Wenn er sich gleich als Engel offenbart hätte, dann
hätte das seine ganze Aufgabe gefährdet. Erst am Ende
seiner Mission, als er alles zum Guten geführt hatte,
offenbarte sich St. Raphael als Engel. Außerdem verbirgt
sich der hl. Engel nicht unter einem Namen, der nicht
stimmen würde. Im Gegenteil, der Name Asarja
bedeutet dasselbe
wie der Name Raphael
und fasst in
kürzester Form die Aufgabe des Engels zusammen:
• Asarja: hebräisch: «asar-ja» = « Gott (der Herr) hilft»
und
• Raphael: hebräisch: «rapha-el» = « Gott heilt».
• Raphael nennt sich Sohn des
Hananja. Das hebräische «hanan-ja»
aber bedeutet: «Gott (der Herr) erbarmt sich». Hananja ist
also eine Bezeichnung für Gott selbst; und „Söhne Gottes“
heißen im Alten Testament auch die Engel (s. Buch Ijob 1,6;
38,7).
Wie aber ist die Tatsache zu verstehen, dass St. Raphael
gegessen und getrunken hat wie ein Mensch, obwohl ein Engel
kein leibliches Leben hat. Die Antwort darauf gibt St.
Raphael selbst: „Während der ganzen Zeit, in der ihr mich
gesehen habt, habe ich nichts gegessen und getrunken; ihr
habt nur eine Erscheinung gesehen.“ (12,19)
Als Entlohnung für die Begleitung vereinbart der Vater des
Tobias: „Eine Drachme täglich und dazu den Lebensunterhalt,
wie ihn auch mein Sohn erhält“. (5,15) Das bedeutet also
eine gewisse Gleichstellung
des Engels mit dem Sohn. Ohne es zu wissen, wird der
Bote Gottes mit der Ehre des eigenen Sohnes bedacht. Tobit
lässt dem fremden Begleiter so viel Sorge zukommen, erzeigt
ihm soviel Liebe wie seinem eigenen Sohn.
Konkrete
Hilfen St. Raphaels
Tobias und Raphael „kamen auf ihrer Reise abends an den
Tigris, wo sie übernachteten. Als der junge Tobias im Fluss
baden wollte, schoss ein Fisch aus dem Wasser hoch und
wollte ihn verschlingen. Der Engel rief Tobias zu: Pack
ihn! Da packte der junge Mann zu und warf den Fisch ans
Ufer. Und der Engel sagte zu Tobias: Schneide den Fisch
auf, nimm Herz, Leber und Galle heraus und bewahre sie gut
auf!“ (6,1-4)
Wie wir im weiteren Verlauf der Geschichte erfahren,
dienten Herz und Leber des Fisches dazu, Sara aus der
Gewalt des bösen Geistes zu befreien (vgl. 6,8; 8,2-3), die
Galle des Fisches zur Heilung des erblindeten Tobit (vgl.
6,9; 11,10-13).
Im Fisch, den Tobias auf Geheiß des Engels an Land
schleudert, können wir ein Sinnbild für Christus sehen.
Seit den Urchristen bis heute gilt ja der Fisch als ein
Symbol für Christus. Schon der hl. Augustinus hat diese
Stelle auf Christus hin ausgelegt, wenn er erklärt, dass
das Herz Jesu im Feuer seiner Passion verzehrt wurde, und
das hat den Teufel ein für alle mal besiegt
(vgl.
serm. 4, De Petro et Paulo). Christus hat durch sein
Leiden unsere Erlösung bewirkt. Durch die Heilmittel aus
dem Fisch wird Sara von ihren Dämonen befreit und Tobit von
seiner Blindheit geheilt.
Es ist Christus, der die verschiedenen Gnaden gibt. Er ist
es, der heilt und der den Bösen besiegt. Aus dem Herzen des
Herrn entspringt die Kirche und entspringen die Sakramente.
Aus Seinem Inneren fließen uns alle Gnaden zu. Raphael will
auch uns sagen: Ergreife den Fisch, d. h. ergreife
Christus, den Herrn. Er wird alle Not in Segen verwandeln.
Aus Seinem Inneren fließen Ströme lebendigen Wassers. Aus
Seinem Inneren fließt das Heil, auch für dich und deine
Familie. Der Engel führt Tobias zu dieser Quelle der
Gnaden, zu Christus. Der Engel ist Bote und Mittler, der zu
seinem Herrn führt.
Fortsetzung im nächsten
Rundbrief