Die heiligen
Engel in der heiligen Schrift - Teil 7
Juni
2007
St. Gabriel
bei Zacharias und Maria
Wir
wollen unsere „Wanderung“ durch die Heilige Schrift
fortsetzen mit dem Neuen Testament bzw. mit den Evangelien.
Noch vor der Menschwerdung Christi und noch bevor die hl.
Engel ins Leben und Wirken Jesu eingegriffen haben,
spielten sie bereits eine entscheidende Rolle in den
Evangelien: Im Leben der Jungfrau Maria, die auserwählt war
die Mutter Gottes zu werden.
Noch vor der Erscheinung des Erzengels Gabriel bei Maria
berichtet der Evangelist Lukas die Erscheinung Gabriels bei
Zacharias (Lk 1,1-25).
Der Priester
Zacharias
Die
erste Begegnung mit einem Engel im Neuen Testament hatte
der Priester Zacharias, der Ehemann Elisabeths. Zacharias
stammte aus der Priesterklasse des Abia (vgl. Lk 1,5), der
achten von insgesamt vierundzwanzig Dienstklassen, in die
die gesamte alttestamentliche Priesterschaft eingeteilt war
und aus denen jeweils einer zum täglichen Rauchopfer im
Tempel ausgelost wurde (vgl. 1 Chr 24,7-19).
Verheiratet war Zacharias mit Elisabeth aus dem Geschlecht
Aaron, einer Verwandten der Gottesmutter Maria. Ihm wurde
trotz des hohen Alters, in welchem er selbst und seine Frau
bereits standen, die Geburt eines Sohnes durch den Engel
Gabriel angekündigt.
Es heißt im Evangelium: « Während er nun zur
festgelegten Zeit das Opfer darbrachte, stand das ganze
Volk draußen und betete. Da erschien dem Zacharias ein
Engel des Herrn; er stand auf der rechten Seite des
Rauchopferaltars. Als Zacharias ihn sah, erschrak er, und
es befiel ihn Furcht. Der Engel aber sagte zu ihm: Fürchte
dich nicht, Zacharias! Dein Gebet ist erhört worden. Deine
Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären; dem sollst du
den Namen Johannes geben. Große Freude wird dich erfüllen,
und auch viele andere werden sich über seine Geburt
freuen.» (Lk 1, 8ff).
Der Engel brachte dem Priester Zacharias eine
Freudenbotschaft, eine Frohbotschaft. Obwohl Zacharias aus
der Geschichte Israels wissen musste, dass „bei Gott nichts
unmöglich ist“, hat er gezweifelt: «Woran soll ich erkennen,
dass das wahr ist? Ich bin ein alter Mann, und auch meine
Frau ist in vorgerücktem Alter.» (Lk 1,18).
Darum wurde dem Zweifler eine heilsamen Strafe angekündigt,
die freilich zugleich auch Garantie der Wahrheit der Worte
des Engels sein sollte: die Stummheit. «Der Engel erwiderte ihm:
Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und ich bin gesandt
worden, um mit dir zu reden und dir diese frohe Botschaft
zu bringen. Aber weil du meinen Worten nicht geglaubt hast,
die in Erfüllung gehen, wenn die Zeit dafür da ist, sollst
du stumm sein und nicht mehr reden können, bis zu dem Tag,
an dem all das eintrifft.» (Lk 1,19-22).
Die vom Engel über Zacharias verhängte Strafe der Stummheit
wurde erst nach der Geburt bei der Namengebung des Johannes
durch seinen Vater Zacharias hinweg genommen. Da aber
konnte er dann - vom Heiligen Geist erfüllt - die wahrhaft
prophetischen Worte des «Benedictus» sprechen, jene Worte,
mit denen die Kirche in ihrem Stundengebet bei den «Laudes»
jeden Tag betet.
Die Jungfrau
Maria
Gleich
im Anschluss an den Bericht über die Erscheinung des Engels
Gabriel vor Zacharias erzählt der Evangelist Lukas die
Verkündigungsgeschichte, die gewissermaßen in diametralem
Gegensatz dazu steht, v.a. wegen der ganz anderen Reaktion
Mariens.
«Im
sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine
Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt.
Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem
Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der
Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du
Begnadete, der Herr ist mit dir.» (Lk 1,26-28).
Es geht hier wohl um die bedeutsamste Engelerscheinung, die
einem Menschen je zuteil geworden ist. Sie wird
ehrfurchtsvoll vom Engel begrüßt, weil sie – wie es in der
Lauretanischen Litanei bekannt wird – die
«Königin
der Engel» ist, und das wohl nicht nur
deshalb, weil Maria die Engel an Gnadenfülle und Würde auf
Grund ihrer Heilsfunktion als Gottesgebärerin überragt,
sondern sicher auch deshalb, weil alle Engel ihr in
besonderer Weise zu dienen bereit gewesen sind und erst
recht noch sind.
Aber bleiben wir zuerst bei der Begegnung zwischen Maria
und dem Engel Gabriel, von dem es ausdrücklich heißt, dass
er von Gott zu ihr gesandt worden ist. «Der Engel des Herrn brachte
Maria die Botschaft», so umschreiben wir auch die
ganz persönliche Aufgabe des Engels Gabriel.
Wie war nun die Reaktion Marias auf die Engelerscheinung?
Beachten wir zuerst, dass die Menschen von jeher beim
sichtbaren Einbruch des Himmlischen in den irdischen Raum
verwirrt wurden.
Als der Engel Gabriel dem Propheten Daniel erschien,
«war er
in Linnen gekleidet, um seine Hüften trug er einen Gürtel
aus feinstem Gold. Sein Leib strahlte wie Chrysolith. Wie
der Blitz leuchtete sein Angesicht, seine Augen glichen
Feuerfackeln, seine Arme und Füße funkelten wie
geschliffenes Erz, der Schall seiner Stimme war wie das
Tosen einer Volksmenge» (Dan 10,5ff) -
«da
verließ mich» - so erzählt der
Prophet Daniel
(10,7ff) -
«alle
Kraft, während ich diese große Erscheinung hatte. Mein
Antlitz entstellte sich, und alle Kraft schwand mir. Als
ich dazu noch den Schall seiner Stimme vernahm, fiel ich
betäubt vor mich hin. Ich lag mit dem Angesicht auf der
Erde».
Auch die bereits erwähnte Erscheinung Gabriels vor
Zacharias, löste vorerst Verwirrung aus:
«Zacharias erschrak beim
Anblick des Engels, und Furcht befiel
ihn.»
(Lk 1,12).
Nun berichtet Lukas auch von einem Erschrecken Marias, aber
nicht wegen der Erscheinung des Engels, sondern wegen
seines Grußes: «Sie erschrak über die
Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten
habe.»
(Lk 1,29). Maria dürfte schon vor dieser Erscheinung einen
ganz vertrauten Umgang mit den hl. Engeln gehabt haben – so
die einhellige Meinung der Kirchenväter.
Die Sprache, in der der Engel Gabriel mit Maria redete, hat
weder jene brüderliche Vertrautheit, womit er
beispielsweise zum jungen Daniel
sprach (vgl. Dan
10,11), noch jene majestätische Art, womit er sich dem
Priester Zacharias vorgestellt hat - «Ich bin Gabriel, der vor
Gott steht, und bin gesandt, zu dir zu
reden»
(Lk 1,19).
Vor der demütigen Jungfrau verschwieg der Engel seine Würde
und sprach mit ihr fast scheu, wie mit einer Königin,
mit seiner
Königin:
«Sei
gegrüßt, Du Begnadete! Der Herr ist mit
dir!»
Der Engel Gabriel war damals diesem Mädchen aus dem
unbekannten, unbedeutenden Bergstädtchen Nazareth an
strahlenden Gaben der Natur
unermesslich
überlegen. An Gnade
aber überragte ihn
dieses Mädchen himmelhoch; sie ist schlechthin
die
Begnadete.
Auf den so vielsagenden Gruß des Engels folgte dann der
heilsgeschichtlich so entscheidungsvolle Dialogzwischen dem
Engel Gabriel und Maria: Auf das gewaltige Angebot der
Gottesmutterschaft folgt die Frage Marias:
«Wie
soll dies geschehen, da ich keinen Mann
erkenne?» Der hl. Bernhard von
Clairvaux beschreibt sehr anschaulich, wie St. Gabriel mit
„Zittern
und Zaudern“ das „Ja“ der Muttergottes zum
Willen Gottes erwartete. (vgl. Lk 1,26ff; Hom. 4,8-9). St.
Bernhard wollte damit sagen, dass die Freiheit des
menschlichen Willens, auch jener der Muttergottes, den
Erzengel Gabriel „erschüttert“ und man könnte fast sagen
„beängstigt“ hat. Die Engel haben bereits bei ihrer eigenen
Prüfung erlebt, wie sich die rebellierenden Engel gegen den
Willen Gottes aufgelehnt haben und sie haben erlebt, wie
oft in der Geschichte der Menschheit, die Menschen ihren
freien Willen missbraucht haben und sich gegen Gott
gestellt haben. St. Gabriel war also nicht nur ein
neutraler Botschafter, sondern er war zutiefst eingebunden
in dieses Geschehen, er „zitterte“ und erwartete „voll
Bangen“ die Antwort der Auserwählten. Und als Maria vom
Engel erfahren hatte, dass der Heilige Geist in ihr das
Wunder der Menschwerdung des Sohnes Gottes bewirken werde,
willigte Maria in aller Demut und Bereitschaft ein:
«Siehe,
ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem
Wort!»
(Lk 1,38).
Man mag über dieses Wort Marias lange nachsinnen, es lässt
sich wohl kaum eine Antwort ausdenken, die auf die Frage
des Engels großartiger und schlichter zugleich hätte sein
können. Kein anderes von allen möglichen Worten reicht an
dieses Wort der Bereitschaft Marias heran; es war die
bedingungslose Übergabebereitschaft Gott gegenüber. Es
genügte Maria nicht, dem Angebot des Engels Gabriel einfach
zuzustimmen; sie kniete gleichsam in drei immer tieferen
Verbeugungen in den anbetungswürdigen Willen Gottes hinein:
„Ecce
–
Siehe“:
Bereitschaft,
Hingabe.
„Ancilla
Domini - Ich bin die Magd des
Herrn“: Dienstbereitschaft, den Willen
Gottes in allem zu erfüllen. „fiat mihi - mir
geschehe“: Gott wirken lassen, nicht ich
„mache“, sondern an mir geschehe der Wille Gottes.
Zacharias hat dem Engel keinen Glauben und kein Vertrauen
geschenkt. Maria – auf Anregung des hl. Geistes – hat sich
Gott durch den Engel, durch das „mir geschehe nach Deinem
Wort“
anheimgestellt. Der Engel ist eingebunden in diese Hingabe
und Weihe Mariens an Gott in der Menschwerdung.
Was keines Menschen Verstand begreifen kann, was nicht
einmal eines Engels hoher Geist zu durchdringen vermag:
Gottes Allmacht, für die nichts unmöglich ist, und Gottes
unbegreifliche Liebe, die keine Grenzen kennt, schufen das,
was sich im Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes
vollzog. «Und das Wort ist Fleisch
geworden und hat unter uns gewohnt» (Joh 1,14). Und als Mitwisser
und Botschafter dieser Menschwerdung hat Gott einen Engel
auserwählt!