Das Wesen der
Engel
Dezember 2004
Das IV. Laterankonzil hat im Jahre 1215 feierlich erklärt:
Gott „hat zu Beginn der Zeit
beide Schöpfungen zugleich aus dem Nichts ins Dasein
gerufen, die geistige und die körperliche, nämlich die der
Engel und die der stofflichen (materiellen) Welt; dann hat
Er die Menschennatur erschaffen, der beides eigen ist, da
sie aus Geist und Leib besteht“ (De fide cath.,
DS
3002) .
Eine Katechese, die unser Hl. Vater am 6. August 1986 über
die hl. Engel gehalten hat, bringt noch weitere Aspekte
über ihre Natur: Er sagte:
„Zusammen mit dem Glauben an
die Existenz der Engel erkennt der Glaube der Kirche auch
bestimmte Züge an der Natur der Engel. Ihr rein geistiges
Wesen schließt vor allem neben ihrem nicht-materiellen
Dasein ihre Unsterblichkeit ein. Die Engel haben keinen
Leib; sie können freilich unter bestimmten Umständen
aufgrund ihrer Sendung zugunsten der Menschen in sichtbarer
Gestalt erscheinen. Sie sind nicht dem Gesetz der
Vergänglichkeit unterworfen, das die ganze materielle Welt
beherrscht. Jesus selbst hat dort, wo er über das
zukünftige Leben der Auferstandenen spricht, bezüglich der
Natur der Engel gesagt: „Sie (die Auferstandenen) können
nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich geworden ...
sind“
(Lk 20,36) .
Die Engel
sind reine Geister
Engel
sind also reine Geister. Sie sind Personen, Wesen, die um
ihre Existenz wissen, Wesen, die mit Ich-Bewusstsein und
Verstand begabt sind und einen freien Willen haben, denen
jedoch kein Leib zu eigen ist. Anders als wir verfügen sie
in ihrer Leiblosigkeit über einen außerordentlich
durchdringenden und subtilen Verstand und über einen
außergewöhnlich starken Willen. Ihr Erkennen ist so klar
und so scharf, dass sie nicht wie wir Menschen von einer
Schlussfolgerung zur anderen fortschreiten müssen, sondern
den Gegenstand, bzw. den Zusammenhang von Ereignissen, für
den sie sich interessieren, auf einmal und rundum erfassen.
(Vgl. Thomas von Aquin, S.
th., I
55,2)
Die heiligen
Engel sind voll Schönheit und Macht
Darüber
hinaus ist ihnen in ihrer Geistigkeit unvorstellbare
Schönheit und Macht zu eigen. In ihnen manifestiert sich
die Schönheit des Schöpfers in weit höherem Maße als in der
übrigen Schöpfung.
Der kath. Katechismus drückt das folgendermaßen aus: „Sie
überragen alle sichtbaren Geschöpfe an Vollkommenheit. Der
Glanz ihrer Herrlichkeit zeugt davon.“ (KKK
330)
Um die Schönheit und Kraft, welche die hl. Engel
ausstrahlen, zu erklären, verweist der Katechismus auf eine
Bibelstelle. Sie ist aus dem Buch Daniel genommen. Der
Prophet hat eine Offenbarung empfangen und sucht sie zu
verstehen. Da erscheint ihm ein Engel, um das Geschaute zu
erklären:
„Am
vierundzwanzigsten Tag des ersten Monats stand ich am Ufer
des großen Flusses, des Tigris. Ich blickte auf und sah,
wie ein Mann
vor mir stand, der in Leinen gekleidet war und einen Gürtel
aus feistem Gold um die Hüften trug. Sein Körper glich
einem Chrysolith, sein Gesicht leuchtete wie ein Blitz, und
die Augen waren wie brennende Fackeln. Seine Arme und Beine
glänzten wie polierte Bronze. Seine Worte waren wie das
Getöse einer großen Menschenmenge. Nur ich, Daniel, sah diese
Erscheinung; die Männer, die bei mir waren, sahen die
Erscheinung nicht; doch ein großer Schrecken befiel sie, so
dass sie wegliefen und sich versteckten.
So blieb ich allein zurück und sah diese gewaltige
Erscheinung. Meine Kräfte verließen mich; ich wurde
totenbleich und konnte mich nicht mehr aufrecht halten. Ich
hörte den Schall seiner Worte; beim Schall seiner Worte
fiel ich betäubt zu Boden und blieb, mit dem Gesicht am
Boden, liegen. Doch eine Hand fasste mich an und half mir
auf Knie und Hände. Dann sagte er zu mir: Daniel, du (von
Gott) geliebter Mann, achte auf die Worte, die ich dir zu
sagen habe. Stell dich aufrecht hin; denn ich bin jetzt zu
dir gesandt. Als er so mit mir redete, erhob ich mich
zitternd. Dann sagte er zu mir: Fürchte dich nicht, Daniel!
Schon vom ersten Tag an, als du dich um Verständnis
bemühtest und dich deswegen vor deinem Gott beugtest,
wurden deine Worte gehört, und wegen deiner Worte bin ich
gekommen.“ (Dan
10,4-12)
„Fürchte dich nicht“
Daniel
ist von der Erscheinung dieses Engels überwältigt. Dessen
Herrlichkeit ist für ihn untragbar, sie übersteigt seine
menschlichen Kräfte. Fast jedes Mal, wenn ein Engel in der
Heilsgeschichte einem Menschen erscheint, sagt er zu ihm:
„Fürchte dich nicht“. Die Nähe des Ewigen Gottes, die durch
den Engel für den Menschen spürbar wird, erschüttert diesen
bis ins Innerste.
Wir haben auch in unseren Tagen ein allgemein bekanntes
Ereignis, das die vorhin zitierten Worte aus dem Alten
Testament bestätigt, nämlich die Erscheinung eines Engels
bei den Kindern in Fatima, die den Erscheinungen der
Muttergottes vorausging:
Die Kinder sahen den hl. Engel als eine schneeweiße
Gestalt, die die Sonnenstrahlen durchsichtig erscheinen
ließ, wie Kristall. Auch hier spricht der Engel sie an:
„Habt keine Angst! Ich bin der Engel des Friedens! Betet
mit mir.“ Der außerordentliche Glanz der Erscheinung umgab
sie. Laut ihren Angaben erscheint der Engel gleich einem
etwa 15 Jahre alten Jüngling von überirdischer Schönheit.
„Das Übernatürliche, das vom Engel ausstrahlte, hatte die
Kinder so überwältigt, dass ihre Sinne auch nachher noch
wie gelähmt und gebunden waren, so stark, dass sie es nicht
vermochten, davon auch nur untereinander zu sprechen; erst
am nächsten Tage war ihnen das möglich. ‚Ich weiß nicht,
wie mir ist’, sagte Jacinta. ‚Ich kann weder sprechen noch
singen noch spielen; ich habe zu nichts mehr Kraft.’
‚Ich
auch nicht’, beteuerte Francisco. ‚Doch was tut’s? Der
Engel ist schöner als das alles’. Tagelang blieben die
Kinder in diesem Zustand und nur allmählich gewannen sie
ihre natürlichen Kräfte wieder.“
Die Worte, die der Engel sprach, so erzählt Lucia, „prägten
sich unserem Geiste ein und wirkten wie ein Licht, in dem
wir erkannten, wie sehr Gott uns liebt, und wie sehr Er
geliebt sein will.“ Die Begegnung mit dem Engel bewirkte in
den Herzen der Kinder den Frieden und das Glücksgefühl der
in Gott versenkten Seele. (vgl. Fonseca,
Maria spricht
zur Welt, S.128/130 und
Sr. Lucia
spricht über Fatima, S. 57) .
Von dem Engeln, der den Hirten von Betlehem die frohe
Botschaft überbrachte, heißt es: „In jener Gegend lagerten
Hirten auf freiem Felde und hielten Nachtwache bei ihrer
Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz
(oder: die Herrlichkeit) des Herrn umstrahlte sie. Sie
fürchteten sich sehr.“ (Lk 2,9)
Viele andere Ereignisse und Beispiele ließen sich anführen,
welche die Übernatürlichkeit und Schönheit, sowie die
Gottesnähe der hl. Engel belegen könnten.
P. Athanas Recheis, ein zeitgenössischer Autor schreibt:
„Die Engel sind die erste Verwirklichung der göttlichen
Ideen, sie sind die erschaffenen Strahlen der Gottheit, ihr
geschöpfliches Antlitz, Bilder der göttlichen Herrlichkeit.
Nach Seinen im Sohn geschauten Gedanken schuf Gott die
Engel, welche diese Gedanken tragen und in geschöpflichem
Höchstmaß die Eigenschaften Gottes spiegeln“ (Aus: P.
Athanas Recheis O.S.B., Die Engel sind mächtige
Geister, S.35) .
Die bildliche
Darstellung der Engel: (Vgl. J. Schumacher,
Die
Engel)
Wir stellen uns die Engel mit Flügeln vor, und so werden
sie in der Regel auch dargestellt. Damit soll angedeutet
werden, dass sie schnell sind, dass sie als geistige Wesen
nicht an unseren Raum und an unsere Zeit gebunden sind,
dass sie als nicht materielle Wesen die Bedingungen unserer
physikalischen Welt übersteigen.
In künstlerischen
Darstellungen tragen sie oft weiße Gewänder. Das will
darauf hinweisen, dass sie ganz in Licht gehüllt sind, weil
sie aus der unmittelbaren Nähe Gottes kommen. Gott ist das
Licht schlechthin. Er wohnt in unzugänglichem Licht. Und
die Engel stehen ganz im Glanz dieses Lichtes, ja sie sind
erfüllt von diesem Licht. Gott aber hat sie dazu
ausersehen, sein Licht und damit ihn selber in die Welt zu
tragen.
Die heiligen
Engel sind Feuer und Licht
Feuer
und Licht sind Ursymbole für Gott, Er ist ein verzehrendes
Feuer, heißt es im Hebräerbrief (12,29) . Sie werden aber
auch als Symbole für die Engel gebraucht: „Ein anderer
gewaltiger Engel kam aus dem Himmel herab; ... Sein Gesicht
war wie die Sonne, und seine Beine waren wie Feuersäulen!“
(Offb 10,1a.c.) Die Engel sind Gott nahe, sie stehen
gleichsam im Bannkreis des ewigen Gottes. Ihre Aufgabe ist
es, Gott und sein Wirken den Menschen nahe zu bringen.
Häufig sind die Engel in der künstlerischen Darstellung
auch mit einer Tunika, einem priesterlichen Gewand,
bekleidet. Oder sie halten Rauchfässer in ihren Händen,
Schalen mit Weihrauch und Leuchter. Damit wird angedeutet,
dass sie die himmlische Liturgie mitfeiern, dass sie Gott
anbeten und verherrlichen, dass die Anbetung und
Verherrlichung Gottes der höchste Inhalt ihres Daseins ist.
Stets muss die Darstellung der Engel so sein, dass dem
Betrachter die unvorstellbare Größe und Majestät dieser
Wesen zum Bewusstsein kommt, ihr überirdischer Glanz, ihre
Geheimnishaftigkeit und ihre Macht, die immer hinweist auf
Gott. Die bildhafte Darstellung der guten Geister muss
unterstreichen, dass menschliche Worte und Vorstellungen
nicht ausreichen, um ihre Wirklichkeit ihre Eigenschaften
und ihre Tätigkeiten zu schildern.