Die "Passio Domini" im Opus Angelorum
Dezember 2010

Teil 1: Menschwerdung und Passio Domini

Die Passio Domini
Im Werk der heiligen Engel wurde die Feier der Passio Domini, das Gedenken des Leidens und Sterbens unseres Herrn, von Anfang an hochgehalten. Die Zeit von 21.00 bis 24.00 Uhr am Donnerstag Abend und von 12.00 bis 15.00 Uhr am Freitag Nachmittag gilt für uns als eine besondere Gnadenzeit, in der wir des Ölbergleidens des Herrn bzw. seines Kreuzweges, seines Leidens und Sterbens am Kreuz gedenken, indem wir uns im Gebet mit ihm vereinen. Diese Stunden sind Gnadenstunden, in denen wir Kraft schöpfen, die Last und das Kreuz des Alltags im Sinne der Nachfolge CHRISTI und im Geist der Sühne zu tragen.
Natürlich wird das nicht jedem in demselben Maß gelingen. Oft lassen es der Beruf oder andere Verpflichtungen nicht zu, dass wir gerade zu dieser Zeit unsere Gebete verrichten. Aber wenn nicht anderes möglich, genügt schon eine kurzes Stoßgebet zur Sterbestunde des Herrn, das auch mitten im Trubel des Alltags möglich ist: "Wir beten Dich an Herr JESUS CHRISTUS und preisen dich, denn durch den heiliges Kreuz hast Du die ganze Welt erlöst." Oder: "Herr, lass Dein Leid und Deine Pein, an mir doch nicht verloren sein". Solche Stoßgebete helfen uns, gerade am Freitag Nachmittag das Gedenken der Sterbestunde des Herrn nicht zu vergessen.

Passio Domini in der Advent- und Weihnachtszeit
Wie ist es für uns möglich, die Passio Domini im Advent und in der Weihnachtszeit zu feiern? Die Passio Domini beschränkt sich nicht auf die drei österlichen Tage, auf das Leiden unseres Herrn vom Ölberg bis zum Tod am Kreuz. Die Passio Domini beginnt im weitesten Sinne bereits mit der Menschwerdung.

  • Betrachten wir im Advent nicht das "Kommen des Herrn in seiner Niedrigkeit"?
  • Betrachten wir nicht die unendliche Herablassung und Verdemütigung des Herrn, des Schöpfers, des SOHNES GOTTES, der sich nicht scheut, Mensch zu werden? Die Passio Domini begann mit der Menschwerdung und setzt sich fort über die Ablehnung des Messias in Bethlehem und seine Geburt in einem kalten, schmutzigen Stall, über die Prophezeiung des Simeon und die Flucht vor Herodes nach Ägypten bis hin zum letzten Kapitel dieser Passio: dem Tod am Kreuz.
  • Ist nicht die Herbergsuche ein Kreuzweg für den Herrn, der leidet, weil er in sein Eigentum kommt, aber die Seinen ihn nicht aufnehmen (s. Joh 1,11)?
  • Ist Bethlehem nicht auch ein Ölberg des schmerzlichen Bangens von Maria und Josef, an dem der Herr und besonders auch Maria und Josef Todesangst litten, da sie keine Herberge für den SOHN GOTTES, der ihnen anvertraut war, finden konnten?
  • Ist der Stall von Bethlehem nicht auch ein Golgotha, wo der Herr sein Leben in einer Krippe beginnt um es 33 Jahre später an einem anderen Holz, am Holz des Kreuzes hinzugeben? Geburt und Tod des Erlösers, Krippe und Kreuz, sind auf das engste miteinander verbunden!
Krippe und Kreuz
Auf einer Steinzeichnung von Wilhelm Geyer ist vom Stall von Bethlehem nur noch ein Stück Gebälk übrig geblieben. Und dieses Stück Gebälk steht nun über dem Kind und seiner Mutter wie ein drohend aufgerichtetes Kreuz. Je länger man das Bild betrachtet, desto mehr rücken das Kind und seine Mutter in den Hintergrund. Gewiss bilden die beiden Personen die Mitte des Bildes. Aber immer stärker tritt das galgenhafte Gebälk hervor und bestimmt die Aussage der Darstellung von der Geburt CHRISTI, die der Künstler machen will.
Doch nicht erst die modernen Künstler heben den Zusammenhang zwischen Krippe und Kreuz hervor. In einem Kreuzgang eines Südtiroler Klosters befindet sich ein bekanntes Bild: GOTT VATER sendet seinen Sohn zur Erde nieder, um in Maria Mensch zu werden; JESUS aber, der als kleines Kind dargestellt ist, trägt schon das Kreuz.
Die Künstler machen uns in der Tat aufmerksam auf etwas ganz Ungewohntes in der Weihnachtsgeschichte. Sie machen uns aufmerksam auf die letzte Konsequenz, die mit der Menschwerdung JESU CHRISTI verbunden ist: auf seinen Tod, auf sein Sterben am Kreuz von Golgotha.
Aber nicht nur die Künstler haben diesen Zusammenhang gesehen. Auch die Heiligen haben diesen Zusammenhang erfasst.
So heißt es im Exerzitienbüchlein des heiligen Ignatius: Wir sollen in und an der Weihnachtsgeschichte "schauen und erwägen, was Maria und Josef tun: wie sie eine Reise machen, wie sie sich abmühen, damit der Herr in der größten Armut geboren werden kann, um am Ende von so viel Mühen, von Hunger und Durst, von Hitze und Kälte, von Schmähungen und Beschimpfungen am Kreuz zu sterben - und alles das für mich."
Auch die Evangelien weisen darauf hin, dass das Kreuz über der Krippe alles andere als bloße Verzierung ist. Herodes trachtet dem neugeborenen JESUSKIND nach dem Leben. Er weiß nur noch nicht, wo er es finden kann. Der Tod steht in der Tat da als drohende Möglichkeit. Wir sind allerdings gewohnt, um den neugeborenen JESUS nur Glanz und Herrlichkeit zu sehen. Die Künstler, die Heiligen, aber auch und erst recht die Evangelien wissen es besser: Geburt und Tod JESU CHRISTI, Krippe und Kreuz gehören unlösbar zusammen. GOTT wurde Mensch, um als Mensch für uns zu sterben. GOTT wurde in Bethlehem geboren, um sein Leben auf Golgotha hingeben zu können aus Liebe zu den Menschen!
Krippe und Kreuz bilden also eine Einheit. Und sowohl die Krippe als auch das Kreuz sind für uns Offenbarung der Liebe GOTTES. GOTT hat uns so sehr geliebt, dass er es nicht scheute, für uns Mensch und als neugeborenes Kindlein in eine Krippe gelegt. GOTT hat den Menschen so sehr geliebt, dass er es nicht scheute, für ihn am Kreuz zu sterben.
In einem Kreuzweg im Advent schreibt Mutter Gabriele bei der 1. Station:
"Nun knie dich hin, o Mensch, schließe deine Augen und schau nach innen: JESUS wird zum Tode verurteilt: Da liegt das neugeborene Kindlein, allen Gesetzen der Natur unterworfen: ... Kälte, Hunger, Blöße, Armut warten Seiner. Schon die erste Stunde JESU im Stall von Bethlehem ist Erlösungstat - Sühne, Rettung, Genugtuung.
Wir beten Dich an, o Herr JESUS, und preisen Dich, denn durch Dein heiliges Kreuz schon von der ersten Stunde Deines Lebens an, Dein Leiden und Sterben hast DU die ganze Welt erlöst."
In einem anderen Kreuzweg heißt es bei der 1. Station:
"Der Herr wird zum Tod verurteilt; Wer hat Dich zuerst verurteilt? Die Sünde des Hochmutes, des Ungehorsams. [nicht Pilatus, sondern wir durch unsere Sünden]
Du aber, GOTT von GOTT, Licht vom Licht, Der Du mit dem VATER und dem GEIST alles Geschöpf erschaffen, DU wolltest es nicht zugrunde gehen lassen. Du bist aufgestanden als Retter, Du hast die Wucht, GOTT wieder zu versöhnen, in ihrer ganze Größe erkannt. Du hast Dich zur Sühne gestellt, um u n s von der Verurteilung zum ewigen Tod zu befreien."
Und wir könnten anfügen: du bist Mensch geworden, um unsere Sünden zu sühnen. Und diese Sühne begann bereits in Nazareth.
Der Gründer der Johannes­gemein­schaft, P. Marie-Dominique Philippe, hat einmal gesagt:
"Die Zeit des Advents ist ganz hingeordnet auf Weihnachten, und Weihnachten ist hingeordnet auf das Kreuz. JESUS ist auf die Welt gekommen, um uns zu retten. Maria ist Mutter geworden, damit wir von dem Heil leben können, das JESUS uns schenken will."
Weil jede Passio Domini auch eine Passio Mariae ist, war der Weg nach Bethlehem und die Ablehnung durch die Menschen besonders eine schmerzhafte Kreuzwegstation für Maria. Aber so wie Maria in Nazareth ihr "fiat mihi" - "mir geschehe" sprach, so sprach sie es bei jeder Kreuzwegstation ihres Lebens immer wieder neu: bei den Zweifeln des hl. Josef, in Betlehem, bei der Darstellung im Tempel und der Prophezeigung des Simeon, bei der Flucht nach Ägypten, später als sie den 12-jährigen JESUS drei Tage lang suchten bis hin unters Kreuz. Dieses "fiat mihi" Mariens klingt im Wort des Herrn am Ölberg wieder: "VATER, nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe!"
Die Passio Domini, so wie wir sie gerade in der Spiritualität des OA feiern, ist letztlich das Gedenken des Erlösungswerkes des Herrn. JESUS CHRISTUS hat uns durch sein Leiden und seinen Tod am Kreuz erlöst. Und zu diesem Zweck ist er Mensch geworden.
Im Brief an die Hebräer (10, 5-7) lässt der Autor CHRISTUS sprechen: "Darum spricht CHRISTUS bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen; an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen. Da sagte ich: Ja, ich komme - so steht es über mich in der Schriftrolle -, um deinen Willen, GOTT, zu tun."
Nazareth: Einen Leib hast du mir geschaffen.
Jerusalem: Das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird.
Nazareth: Ja ich komme, um Deinen Willen, GOTT, zu tun.
Jerusalem: VATER, nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe!
Gerade durch diese Erkenntnis des Zusammenhanges oder besser gesagt der Einheit zwischen Menschwerdung und Kreuzestod CHRISTI, wird der Advent für uns sowohl zu einer Zeit der freudigen Erwartung, der Sehnsucht nach der nahenden Erlösung, aber auch eine Zeit der Busse und der Entsagung.