Die "Passio Domini" im Opus Angelorum
September 2011

Teil 3: Petrus und Judas

Die Verleugnung Petri

Wenn wir in der Zeit der Passio Domini am Donnerstag Abend bzw. Freitag Nachmittag das Leiden und Sterben unseres Herrn und Heilands betrachten, die Passionsgeschichte in den Evangelien lesen und im Gebet darüber nachdenken, fällt etwas Unerwartetes auf: die Bedeutung, welche die Evangelisten der Verleugnung des hl. Petrus, des ersten Apostels, des ersten Papstes, geben. Dieser Verleugnung wird vor allem im Markus-Evangelium besonderes Gewicht verliehen (siehe Mk 14,29-31.66-72). Sie wird bis in alle - für Petrus beschämenden - Einzelheiten berichtet. Wir wissen, dass der Evangelist Markus später in Rom eine Art "Sekretär" von Petrus war. Sein Evangelium stützt sich in erster Linie auf Aussagen und Zeugnisse von Petrus. Petrus selbst hat also die Geschichte seiner Verleugnung verbreitet und bekannt gemacht. Er hat gewissermaßen in seinen Predigten eine Art "öffentliche Beichte" abgelegt.

Warum? Vielleicht wollte Petrus allen, die nach ihm ebenso den Herrn verraten und verleugnen werden, Hoffnung geben. Vielleicht wollte er allen, die nach ihm fallen werden, gerade von der empfangenen Vergebung berichten und sagen:

  • Keine Sünde kann so schwer sein, als dass der Herr sie nicht vergeben könnte;
  • kein Versündigung gegen GOTTES kann so groß sein, als dass die Barmherzigkeit GOTTES nicht noch größer wäre;
  • keine Verleugnung kann so beschämend und verdemütigend sein, als dass wir daran verzweifeln müssen.

Und wenn Petrus das sagt, dann ist das keine leere Phrase, sondern die Erfahrung der Barmherzigkeit GOTTES am eigenen Leib. Beim letzten Abendmahl hat JESUS dem Petrus vorausgesagt, dass er ihn dreimal verleugnen werde und Petrus hat noch großspurig angekündigt: "Und wenn ich mit Dir sterben müsste - ich werde Dich nie verleugnen."

Und schon wenige Stunden später - nach der Verhaftung JESU - ist aus dieser selbstbewussten Ankündigung eine dreimalige Verleugnung geworden: "Ich kenne diesen Menschen nicht..." (Mk 14,71).

Petrus und Judas

In der Markuspassion fällt noch etwas auf: die Parallele zwischen Judas und Petrus. Nach der Verleugnung des Petrus schreibt das Evangelium: "Gleich darauf krähte der Hahn zum zweitenmal, und Petrus erinnerte sich, dass JESUS zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er begann zu weinen.." (Mk 14,72).

JESUS hat nicht nur die Verleugnung des Petrus, sondern auch den Verrat des Judas vorausgesagt. Den Judas hat der Herr nicht nur angeblickt, sondern er hat ihn geküsst. Judas ging weg und erhängte sich (vgl.Mk,14,43; Mt 27,5). Rein äußerlich betrachtet trifft Petrus und Judas dasselbe Schicksal. Beide haben den Herrn verraten, beide haben ihre Schuld erkannt und bereut, beiden hat der Herr selbst nach ihrer Sünde seine Liebe erwiesen. Worin liegt nun der Unterschied und warum enden die ähnlichen Schicksale der beiden Apostel auf so dramatisch verschiedene Weise? Der Unterschied besteht in einer einzigen Sache: Petrus hatte Vertrauen in die Barmherzigkeit GOTTES - Judas nicht.

Echte Reue statt Selbstmitleid

JESUS zu verraten, war nicht das Schlimmste was Judas getan hat. So abscheulich dieses Vergehen war, es führte nicht zu Judas' tragischem Ende. Sein Untergang war, dass er die Hoffnung aufgegeben hatte. Er hat entweder nicht an die Vergebung geglaubt, oder er hat nicht darauf vertraut, dass ihm diese Vergebung geschenkt wird; oder aber er entschied, dass er sich selbst nicht vergeben könnte bzw. sich selbst vergeben würde - und somit hat er sich der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung ergeben. Noch schlimmer ist die Möglichkeit, dass er in seiner Verbitterung gar nicht um Vergebung bitten wollte, vielleicht weil er den damit verbundenen Akt der Demut nicht bejahen wollte. Es mag vielleicht scheinen, dass seine Verzweiflung Beweis für seine große Reue darüber war, was er seinem einstigen Freund und Meister angetan hat. Reue ist aber etwas völlig anderes. Echte Reue führt zurück, führt zu Vergebung, echte Reue ist eine besondere Art der Liebe gegenüber der Person, die man verraten hat. Reue ist daher für unsere Seele immer ein Gewinn. Wenn unsere Reue lediglich Enttäuschung über uns selbst und unser Versagen ist, dann ist es keine Reue sondern purer Hochmut, dann begeben wir uns selbst in die Hoffnungslosigkeit und bezeichnen es auch noch als gerechte Strafe.

Eine solche Art Selbstbedauern möchte JESUS nicht, denn es ist kein Beweis meiner Liebe zu ihm, wenn ich in meiner scheinbaren Reue sage: "Ich verdiene keine Vergebung..." oder "Ich kann mir selbst einfach nicht vergeben..." Wenn ich mir selbst nicht vergeben kann heißt das nur, dass ich meinen verwundeten Stolz und nicht seiner Liebe, seiner leidenden Liebe den Vorzug gebe.

Echte Demut statt Verzweiflung

Vielleicht hat sich Petrus nach seiner feigen Verleugnung auch den eigenen Tod gewünscht, so wie Judas es tat. Für einen Moment lang könnte das der einzig denkbare Ausweg aus seiner Schuld erscheinen. Der rettende Unterschied war aber, dass Petrus in Demut die Hoffnung gewählt hat, wogegen Judas sich für die Hoffnungslosigkeit entschieden hat. Judas hat die Vergebung, die er empfangen hätte können, abgelehnt. Sein Schicksal wurde nicht durch einen Kuss, sondern durch seinen Hochmut besiegelt.

Jeder seiner Jünger hat JESUS diese Nacht verlassen, ihn verleugnet und ihn in irgendeiner Weise verraten. Die Sünde von Judas erregt aber mehr Aufmerksamkeit, weil sie anstößiger erscheint als die anderen. Wenn wir in diesem Fall jedoch nur die Geldgier des Judas sehen, entgeht uns die wahre Lektion, die dahinter steht.

Alle Jünger haben JESUS auf unterschiedliche Art im Stich gelassen, so wie wir es auch immer wieder tun. Sie haben ihn alle in gewisser Weise betrogen, so wie wir es immer wieder tun. Gewiss waren sie alle betrübt, verängstigt und voller Bedauern über ihre Sünde, so wie wir auch. Aber nur Judas hat die Schuld der Erlösung vorgezogen. Er hat in seinem Hochmut den Tod vorgezogen, anstatt in Demut um Vergebung zu bitten.

Darin liegt eine große Lektion für unser Glaubensleben: Wie oft suhlen wir uns in Selbstmitleid und denken es sei Demut. Selbstmitleid hat mit Demut nichts zu tun und auch nicht mit Reue. Demut ist immer Wahrheit und die Wahrheit ist: wir haben gesündigt. Und wir werden wieder sündigen. Und es gibt nur einen Weg, die Sünde wieder gut zu machen, sie gewissermaßen "ungeschehen" zu machen. Wirklich und ehrlich bereuen und uns in echter Demut in die Arme des Herrn werfen - im Sakrament der Beichte. Judas mangelte es an Hoffnung, weil es ihm an Demut mangelte.

Und JESUS nimmt uns in die Arme. Er blickt uns voller Barmherzigkeit an, wie er den Petrus voll Erbarmen anblickte. Es ist nicht wichtig, wie oft wir versagen oder fallen - vorausgesetzt wir kehren jedes Mal in Demut und Hoffnung zurück zu IHM.

Vertrauen in die Barmherzigkeit GOTTES

Die Hl. Schrift berichtet immer wieder vom Verrat des Menschen an Gott - und auf wie unterschiedliche Weise diese Geschichten enden:

  • Kain hat seinen Bruder Abel erschlagen, aber auch David hat Uria, mit dessen Frau er ein Verhältnis hatte, ermordet.
  • Kain ist in die Geschichte als verabscheuenswürdiger Sünder eingegangen, David als Heiliger.
  • Kain ist an seiner Sünde verzweifelt, er dachte, seine Sünde sei zu groß, als dass sie vergeben werden könnte. David vertraute auf die Barmherzigkeit GOTTES und rief GOTT um Vergebung an.
Dieselbe Geschichte wiederholt sich immer wieder - bis zuletzt auf Golgotha: Zwei Räuber werden zusammen mit JESUS gekreuzigt. Der eine flucht und verzweifelt. Der andere bittet um Vergebung: "JESUS, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst." (Lk 23,42) Und er erhält die schönste Verheißung, die je ein Mensch erhalten hat: "Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein." (Ebd.) Es ist also eine Sache, dass GOTT vergibt, dass GOTT Erlösung schenkt, und es ist eine andere Sache, dass der Mensch die Vergebung und die Erlösung annimmt: v.a. durch die Sakramente der Taufe, der Buße und der Eucharistie.

Und das erfordert Demut: Petrus musste diese Demut lernen, er musste erkennen, dass er sich die Erlösung, die Vergebung nicht selber schenken kann, sondern dass es eine Gabe der Barmherzigkeit GOTTES ist, dass JESUS auch für ihn gelitten hat.

Möge GOTT auch uns die Demut schenken, in der Stunde unseres Todes nicht an unserer Schuld zu verzweifeln, sondern bedingungslos auf die Barmherzigkeit GOTTES zu vertrauen und uns in seine barmherzigen Arme fallen zu lassen.