Die "Passio Domini" im Opus Angelorum
Juni 2012

Teil 6: Der Verrat

JESUS betet in seiner Todesangst am Ölberg zum VATER und schließlich - nach hartem Ringen und Kämpfen - stimmt er dem Willen des VATERS im Gehorsam zu: "... nicht mein Wille, sondern der Deine soll geschehen." (Lk 22,43).

Kurz darauf stellt der Herr sich dem Verräter. Bereits bei der Fußwaschung bzw. beim letzten Abendmahl wusste JESUS, dass Judas Iskariot Ihn verraten würde. Im 2. Band seines Buches "JESUS von Nazareth" geht Papst Benedikt auf diese Tatsache ein und nennt das Kapitel: "Das Geheimnis des Verräters".

Der Heilige Vater schreibt:

"Die Fußwaschungs-Perikope konfrontiert uns mit zwei unterschiedlichen Formen der Reaktion des Menschen auf diese Gabe: Judas und Petrus. Gleich nach der Rede vom Beispiel kommt JESUS auf den Fall des Judas zu sprechen. Johannes sagt uns darüber, dass JESUS im Innersten erschüttert wurde und bekräftigte: 'Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten'" (13,21).

Johannes spricht dreimal von der "Erschütterung" JESU: am Grab des Lazarus (11,33.38), am "Palmsonntag" nach dem Wort vom gestorbenen Weizenkorn in einer Szene, die an die Ölbergstunde erinnert (12,24-27), und schließlich hier. Es sind Augenblicke, in denen JESUS der Majestät des Todes begegnet und von der Macht der Finsternis berührt wird, mit der zu ringen und die zu überwinden sein Auftrag ist...

Die Ankündigung des Verrats ruft begreiflicherweise unter den Jüngern Erregung und zugleich Neugierde hervor. "Einer von den Jüngern lag an der Seite JESU; es war der, den Jesus liebte. Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem JESUS spreche. Da lehnte sich dieser zurück an die Brust JESU und fragte ihn: Herr, wer ist es? Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde" (13,23ff). Im Nachhinein werden diese Worte völlig transparent; es zeigt sich, dass die Schrift wirklich seinen Weg beschreibt - aber im Augenblick bleibt das Rätsel. Zunächst geht daraus nur hervor, dass es einer der Tischgenossen ist, der JESUS verrät; es zeigt sich, dass der Herr bis zum Ende und bis in die Einzelheiten hinein das Leidensgeschick des Frommen durchstehen muss, das vor allem in den Psalmen in vielfältiger Weise erscheint. JESUS muss das Nicht-Verstehen, die Treulosigkeit bis in den innersten Freundeskreis hinein erfahren und so "die Schrift erfüllen." Er erweist sich als das wahre Subjekt der Psalmen, als der "David", von dem sie kommen und durch den sie Sinn gewinnen.

Johannes hat dem von Jesus als Prophetie über seinen eigenen Weg aufgegriffenen Psalmwort dadurch eine neue Dimension hinzugefügt, dass er an der Stelle des von der griechischen Bibel gebrauchten Ausdrucks für "essen" das Wort "trögein" wählt, mit dem JESUS in seiner großen Brotrede das "Essen" seines Fleisches und Blutes, also den Empfang des eucharistischen Sakramentes, bezeichnet hatte (Joh 6,54-58). So wirft das Psalmwort seinen Schatten voraus in die Eucharistie feiernde Kirche seiner Zeit wie aller Zeiten: Mit dem Verrat des Judas ist das Erleiden des Treubruchs nicht zu Ende gegangen. "Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat mich hintergangen" (Ps 41,10). Der Bruch der Freundschaft reicht in die Kommuniongemeinschaft der Kirche hinein, wo immer wieder Menschen "sein Brot" nehmen und ihn verraten.

Das Leiden JESU, der Kampf mit dem Tod, dauert bis ans Ende der Welt, hat Blaise Pascal von solchen Einsichten her geschrieben (vgl. Pensées VII 553). Wir können auch umgekehrt sagen: Den Verrat aller Zeiten, das Leid des Verratenseins aller Zeiten, hat JESUS in dieser Stunde auf sich genommen und die Not der Geschichte bis auf ihren Grund durchgestanden.

Johannes gibt uns keine psychologische Deutung für das Tun des Judas; der einzige Anhaltspunkt, den er uns bietet, besteht in dem Hinweis, Judas habe als Schatzmeister des Jüngerkreises dessen Geld veruntreut (12,6). In unserem Kontext sagt der Evangelist nur lakonisch: "Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn" (13,27).

Was mit Judas geschehen ist, ist für Johannes nicht mehr psychologisch erklärbar. Er ist unter die Herrschaft eines anderen geraten: Wer die Freundschaft mit JESUS zerbricht, sein "süßes Joch" abwirft, der kommt nicht ins Freie und wird nicht frei, sondern verfällt anderen Mächten - oder vielmehr: Dass er diese Freundschaft verrät, kommt schon vom Zugriff einer anderen Macht, der er sich geöffnet hat.

Das Licht, das von JESUS her in die Seele des Judas gefallen war, war freilich nicht ganz erloschen. Es gibt einen Anlauf zur Bekehrung: "Ich habe gesündigt", sagt er zu seinen Auftraggebern. Er versucht, JESUS zu retten, und gibt das Geld zurück (Mt 27,3ff). Alles Reine und Große, das er von Jesus empfangen hatte, blieb seiner Seele eingeschrieben - er konnte es nicht vergessen.

Seine zweite Tragödie - nach dem Verrat - ist es, dass er nicht mehr an Vergebung zu glauben vermag. Seine Reue wird zur Verzweiflung. Er sieht nur noch sich und seine Finsternis, nicht mehr das Licht Jesu, das auch die Finsternis erhellen und überwinden kann. So zeigt er uns die falsche Weise von Reue: Reue, die nicht mehr hoffen kann, sondern nur noch das eigene Dunkel sieht, ist zerstörerisch und ist keine rechte Reue. Zur rechten Reue gehört die Hoff­nungs­ge­wissheit, die aus dem Glauben an die größere Macht des Lichtes kommt, das in JESUS Fleisch geworden ist.

Johannes schließt den Abschnitt über Judas dramatisch mit den Worten: "Als Judas den Bissen genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht" (13,30). Judas geht hinaus - in einem tieferen Sinn. Er geht in die Nacht, er geht vom Licht fort ins Dunkel; die "Macht der Finsternis" hat ihn ergriffen (vgl. Joh 3,19; Lk 22,53)."

Soweit die Worte von Papst Benedikt über den Verrat des Judas. Wir dürfen und müssen den Verrat an JESUS aber auch in einem viel größeren Zusammenhang sehen. JESUS wurde von Seinem Volk Verraten, von den Vertretern Seines eigenen Volkes. Das ist auch der Grund, warum ER über Jerusalem klagt (vgl. Lk 13,34), warum ER sich beim feierlichen Einzug in Jerusalem am Palmsonntag von den Hosiannah-Rufen nicht blenden lässt. Ja, letztlich wurde der Herr von jedem von uns verraten und wird täglich verraten durch die Sünde. Wenn wir in der Passio Domini bei der Betrachtung des Verrates an unserem Herrn auch Rückschlüsse für unser eigenes Leben ziehen dürfen, dann werden wir immer tiefer erkennen, dass jede einzelne Sünde ein Verrat am Herrn ist. Andererseits dürfen wir auch Rückschlüsse auf unser Leben in der Nachfolge CHRISTI ziehen. Warum soll es uns als Jünger des Herrn anders ergehen als dem Herrn selbst? Wollen wir Erfolg haben und anerkannt sein, während der Herr abgelehnt und verraten wurde? Warum schauen wir immer auf andere, denen es "besser" geht als uns - und nicht einfach auf den Herrn? Jeder "Sieg für die Ewigkeit" geht nur über Golgotha. Wir sollten uns nicht mit den kleinen gebrechlichen Scheinsiegen irdischer, zeitlicher Anerkennung zufrieden geben, denn dahinter lauert meist schon die Schlinge des Missgünstigen, des Neiders und Verleumders, des "Gerechten dieser Welt". Wer bewusst in den Fußstapfen des Herrn bleibt, für den gibt es auch immer einen Judas.

Nachfolge CHRISTI bedeutet: verraten werden, verleumdet werden, ungerecht angeklagt werden... Und der Verrat schmerzt umso mehr, wenn er durch Menschen geschieht, die uns nahe stehen. Judas war einer der Zwölf. Er gehörte zum Vertrautenkreis des Herrn. Wundern wir uns nicht, wenn in der Nachfolge CHRISTI gerade die Menschen, die uns lieb und wertvoll sind - Familienangehörige, Mitarbeiter, Mitbrüder und Mitschwestern, Vorgesetzte und Obere - an uns schuldig werden, indem sie uns verraten oder verleumden oder zumindest durch Misstrauen verraten. In einem Kreuzweg heißt es:

"Lob und Dank sei dem Herrn, dass Er um unseretwillen das Verratenwerden, Betrogenwerden, Hintergangenwerden bis zur schmählichen Gefangennahme zu Sich hereinnahm. Wer solchen Weg, mag er noch so schmerzvoll und beschämend sein, um des Herrn willen tapfer hinnimmt und sich ganz in die Passio Domini hineinbettet, wird einst vor allen Engeln und allen Gesegneten von unserem Herrn gerechtfertigt und mit dem Mantel des Siegers geschmückt werden."

(Kreuzweg Lob und Dank sei dem Herrn, 2. Station)