Die "Passio Domini" im Opus Angelorum
September 2012

Teil 7: Das Synedrium und der Hohepriester

"Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht" (Joh 11,50) Die Feier der wöchentlichen Passio Domini im Werk der hl. Engel vollzieht sich besonders in den drei Ölbergstunden donnerstags von 21.00 bis 24.00 und in den drei Kreuzesstunden freitags von 12.00 bis 15.00. Das sind die beiden großen Pole, zwischen denen sich die ganze Passio Domini, auch die 12 Stunden zwischen Ölberg und Kreuzweg vollziehen. Dazu gehört der Verrat durch Judas und die Verhaftung JESU, das Verhör und Geschlagen werden vor dem Synedrium, die verborgenen Leiden in Kerker, das Verhör und die Verspottung durch Herodes, die Verspottung und Verhöhnung bei der Dornenkrönung, die grausame Geißelung, das Verhör durch Pilatus, der Ruf zur Kreuzigung durch das aufgewiegelte Volk und schließlich die Verurteilung zum Kreuzestod durch Pilatus.

Das ist auch der Grund, warum der Freitag im Werk der hl. Engel möglichst in Stille, im Gebet und in Betrachtung verbracht wird. Der Freitag ist wie ein kleiner Einkehrtag in der Woche und je mehr wir uns an diesem Tag mit dem Herrn vereinen, ihn im Gebet und Betrachtung und Liebe begleiten, umso fruchtbarer wird dann auch der Sonntag, der Tag der Auferstehung.

Vom Ölberg zum Galgenhügel Golgotha

Das nächtliche Beten JESU endet mit seiner Verhaftung durch eine der Tempelbehörde unterstehende bewaffnete Truppe, nachdem Judas Iskarioth ihn verraten hat. Wie kam es zu dieser von der Tempelbehörde - letztlich aber vom Hohepriester Kajaphas - angeordneten Verhaftung? Wie kam es zur Überstellung JESU an das Gericht des römischen Statthalters Pilatus und schließlich zur Verurteilung zum Kreuzestod. Die Evangelien lassen uns auf dem Weg vom Ölberg bis zur Verurteilung Jesu drei Etappen unterscheiden: eine Ratsversammlung im Haus des Kajaphas, das Verhör JESU vor dem Synedrium und schließlich der Prozess vor Pilatus.

Ein Blick auf diese drei Etappen lässt uns besser verstehen, wie es zur ungerechten Verurteilung des unschuldigen Herrn kommt. Papst Benedikt XVI. hat dazu großartige Einsichten im 2. Band seines Buches "Jesus von Nazareth". Im Folgenden soll ein Auszug aus dem Buch helfen, die Umstände und Hintergründe der Verurteilung JESU besser zu verstehen:

Vorberatungen im Synedrium

Das Auftreten JESU und die sich um ihn bildende Bewegung hatten offensichtlich die Tempelbehörde zunächst wenig interessiert; das Ganze schien eher eine provinzielle Angelegenheit zu sein - eine der Bewegungen, die sich gelegentlich in Galiläa bildeten, und keines großen Aufhebens wert. Die Situation änderte sich mit dem "Palmsonntag": Die messianische Huldigung für JESUS bei seinem Einzug in Jeru­salem; die Tempelreinigung; die Predigten JESU im Tempel, in denen ein Vollmachtsanspruch vernehmbar wurde; die Wunder, die Jesus öffentlich tat, und der wachsende Zustrom des Volkes zu ihm - das alles waren Vorgänge, die nicht mehr ignoriert werden durften.

In den Tagen um das Pascha-Fest, in denen die Stadt mit Pilgern überfüllt war und messianische Hoffnungen leicht zu politischem Dynamit werden konnten, musste die Tempelbehörde ihre Verantwortung wahrnehmen und sich zuallererst darüber Klarheit verschaffen, was von dem Ganzen zu halten und wie dann darauf zu reagieren sei. Nur Johannes berichtet näherhin über eine Sitzung des Synedriums, das der Meinungsbildung und Beschlussfassung über den Fall Jesu diente (11,47-53).

Nach Johannes sind Hohepriester und Pharisäer - die zwei in vielem einander entgegenstehenden führenden Gruppierungen des Judentums zur Zeit JESU - miteinander versammelt. Ihre gemeinsame Befürchtung lautet: "Es werden die Römer kommen und uns den Ort' (d. h. den Tempel, die heilige Stätte der Gottesverehrung) und das Volk wegnehmen" (11,48). Man ist versucht zu sagen, das Motiv zum Vorgehen gegen JESUS sei eine politische Sorge gewesen, in der sich von unterschiedlichen Ausgangspunkten her die Priester-Aristokratie und die Pharisäer begegneten; mit dieser politischen Betrachtung von JESU Gestalt und Wirken sei aber genau sein Eigentliches und Neues verkannt worden. Und in der Tat: Jesus hat mit seiner Verkündigung eine Lösung des Religiösen aus dem Politischen vollzogen, die die Welt verändert hat und die wirklich zum Wesen seines neuen Weges gehört.

Dennoch muss man sich vor einer eilfertigen Verurteilung der "bloß politischen" Betrachtungsweise seiner Gegner hüten. Denn in der bisherigen Ordnung war nun eben beides - das Politische und das Religiöse - gar nicht zu trennen. ... Wo es um Tempel, Volk und Land ging, waren das religiöse Fundament der Politik und deren religiöse Konsequenzen im Spiel. "Ort" und "Volk" zu verteidigen, war letztlich eine religiöse Angelegenheit, weil es um GOTTES Haus und um GOTTES Volk ging.

... Es ist eine Überlagerung, die dem entspricht, was wir in der Tempelreinigung gefunden hatten. Jesus kämpft dort einerseits, wie wir sahen, gegen eigensüchtigen Missbrauch im Raum des Heiligen, aber die prophetische Gebärde und ihre Deutung im Wort reicht doch viel tiefer: Der alte Kult des steinernen Tempels ist zu Ende. Die Stunde der neuen GOTTESverehrung in "Geist und Wahrheit" hat geschlagen. Der Tempel aus Stein muss abgebrochen werden, damit das Neue, der Neue Bund mit seiner neuen Weise der Gottesverehrung, kommen kann. Das bedeutet aber zugleich: JESUS selbst muss durch die Kreuzigung hindurchgehen, um als Auferstandener der neue Tempel zu werden.

... Aber das bedeutet, dass das Kreuz einem göttlichen "Muss" entsprach und dass Kajaphas mit seiner Entscheidung letztlich zum Vollstrecker des göttlichen Willens wurde, auch wenn seine eigene Motivation unrein und nicht dem Willen GOTTES, sondern seinen eigenen Absichten gemäß war.

"Prophetisches Wort" des Kajaphas

Johannes hat dieses merkwürdige Ineinander der Vollstreckung von GOTTES Willen und der eigensüchtigen Blindheit bei Kajaphas ganz deutlich ausgesprochen. In der Ratlosigkeit der Ratsmitglieder, was man angesichts der von der JESUS-Bewegung ausgehenden Gefahr tun solle, hat er das entscheidende Wort gesagt: "Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht" (11,50). Johannes bezeichnet diesen Ausspruch ausdrücklich als Wort aus "prophetischer Eingebung", das Kajaphas aus seinem Amtscharisma als Hohepriester und nicht aus Eigenem formulierte.

Der Inhalt der "Prophetie" des Kajaphas hat eine unmittelbare Einsichtigkeit: Wenn man durch den Tod eines Einzigen (und nur so) das Volk retten kann, ist der Tod dieses Einzigen das geringere Übel und der politisch richtige Weg. Aber was so zunächst bloß pragmatisch klingt und gemeint ist, reicht doch von der "prophetischen" Eingebung her in eine ganz andere Tiefe. JESUS, der eine, stirbt für das Volk: Das Geheimnis der Stellvertretung leuchtet auf, das der tiefste Inhalt von JESU Sendung ist.

Stellvertretung

Der Gedanke der Stellvertretung durchzieht die ganze Religions­geschichte. In vielfältigen Formen versucht man, das drohende Unheil vom König, vom Volk, vom eigenen Leben abzuwenden, indem man es auf Stellvertreter überträgt. Böses muss gesühnt, die Gerechtigkeit so wiederhergestellt werden. Aber man lädt die Strafe, das unabwendbare Unglück auf andere ab und sucht so, sich selbst zu befreien. Doch diese Stellvertretung durch Tier- oder auch Menschenopfer bleibt letztlich unglaubhaft. Was da zur Stellvertretung angeboten wird, ist doch nur Ersatz für das Eigene und kann gar nicht die Stelle dessen einnehmen, der so erlöst werden soll. Ersatz ist nicht Stellvertretung, und doch schaut alle Geschichte aus nach dem, der wirklich für uns eintreten kann, der wirklich uns in sich aufzunehmen vermag und uns so ins Heil bringt.

Im Alten Testament erscheint der Stellvertretungsgedanke ganz zentral, wenn Mose nach dem Götzendienst des Volkes am Sinai zum zürnenden Gott sagt: "Doch jetzt nimm ihre Sünde von ihnen! Wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du angelegt hast" (Ex 32,32). Ihm wird zwar gesagt: "Nur den, der gegen mich gesündigt hat, streiche ich aus meinem Buch" (32,33), aber Mose bleibt doch irgendwie Stellvertreter, der das Schicksal des Volkes trägt und durch seine Fürbitte immer wieder wendet. Im Deuteronomium ist schließlich das Bild des leidenden Mose gezeichnet, der stellvertretend für Israel leidet und auch stellvertretend für Israel außerhalb des Heiligen Landes sterben muss. Vollends entfaltet erscheint der Gedanke der Stellvertretung im Bild des leidenden Gottesknechtes in Jesaja 53, der die Schuld vieler auf sich nimmt und sie so gerecht macht (53,11).

Der eine stirbt für die vielen - dieses prophetische Wort des Hohepriesters Kajaphas fasst die Sehnsucht der Reli­gionsgeschichte der Welt und die großen Glaubenstraditionen Israels zu­sammen und überträgt sie auf JESUS. Sein ganzes Leben und Sterben ist eingeborgen in dem Wort "für".