Die Prüfung
und Scheidung der Engel - Teil 2
Sept.
2005
Die Engelprüfung am Anfang hat nicht nur den Widersacher
hervorgebracht, sondern auch treue Engel, angeführt von St.
Michael.
„Da
entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel
erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und
seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten,
und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt,
der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan
heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die
Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinab
geworfen. Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen:
Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die
Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht Seines
Gesalbten.“ (Offb
12,7-10a)
Um die Treue St. Michaels und seiner Engel annähernd
würdigen zu können, müssen wir wieder an den Anfang und zum
Gegenstand der Prüfung zurückkehren.
Die Rebellion des
obersten, also des nach Natur und Gnade am herrlichsten
ausgestatteten Engels, zeigt an, dass die Prüfung den
Engeln buchstäblich an den Lebensnerv griff, dass Gott auch
sie – um mit der Schrift zu sprechen - „auf Herz und
Nieren“ geprüft hat. Warum muss diese Prüfung so hart sein?
Weil das Ziel, die Teilhabe am ewigen, übernatürlichen
Leben Gottes, die Natur des Geschöpfes unendlich
übersteigt. So musste der Engel bei der freien Entscheidung
für Gott sich selbst völlig loslassen, um ganz offen für
das Geschenk der Gnade zu sein. Wir erinnern uns an das
Wort des Herrn an uns Menschen: „ ... wer sein Leben um
meinetwillen verliert, der wird es retten“ (Lk 9,24) .
Doch versuchen wir nun, uns in den ganz anders als wir
gearteten Engel hineinzudenken: was hat ihn eigentlich so
getroffen? Wie wir gleich sehen werden, haben verschiedene
Väter der ältesten Zeit in mehreren Gleichnissen Jesu
Hinweise auf die Engelprüfung gefunden. Dies führt unsere
bisherige Betrachtung des Prüfungsgegenstandes von Christus
über Maria konsequent weiter zum Menschen und seiner
Erlösung.
In einer überraschenden Wortverbindung weist das „große
Zeichen“, das am Himmel „erschien“ (Offb 1,1) , hin auf das
„Geheimnis der Barmherzigkeit (sacramentum pietatis)“, das
„groß ist und das den Engeln erschienen ist“, wie der hl.
Paulus im ersten Timotheus Brief 3,16 schreibt. Gemeint ist
damit der Heilsplan Gottes mit dem Er Seine Liebe
vollkommen offenbarte. Das Erbarmen Gottes aber bezieht
sich in besonderer Weise auf das Geschöpf, das es bei der
Erschaffung der Engel noch nicht gab und das sie nun im
Zeichen der Frau sahen: den Menschen. Der hl. Irenäus sagt
ausdrücklich im Hinblick auf die Prüfung der Engel und den
Fall Satans: „Der Beginn und der Anlass seines Falles ist
der Mensch“ (adv. haer.
III, 23,8) .
Wir können zwei Momente des Erbarmens Gottes gegenüber dem
Menschen unterscheiden. Das eine ist die „Güte und
Menschenfreundlichkeit“ als Herablassung Gottes zum – im
Vergleich zu den Engeln - viel gebrechlicheren Menschen,
die in Christus „erschienen ist“ (Tit
3,4) . Der Sohn
Gottes will Mensch werden, nicht Engel, das konnten die
Engel aus diesem Zeichen entnehmen. Diese Tatsache, mit der
die Engel in ihrer Prüfung konfrontiert waren, ist ohne
Abschwächung formuliert in Hebr 2,16: „Denn Er nimmt Sich
keineswegs der Engel an, sondern der Nachkommen Abrahams
nimmt Er Sich an.“
Musste sich da der Engel nicht übergangen fühlen? Die
Schärfe dieser Demutsprüfung können wir vielleicht daran
ermessen, dass selbst wir Menschen natürliche und noch mehr
übernatürliche Vorzüge von Mitmenschen, die wir für
geringer halten, nicht leicht verkraften. Meist neigt der
Mensch dann dazu, solche Vorzüge des andern zu ignorieren
oder zu leugnen – oder im schlimmsten Fall aus Neid zu
zerstören. Die Menschwerdung des Sohnes Gottes hat aber
auch unsere menschlichen Begriffe von Rangordnung geradezu
auf den Kopf gestellt. Denn der Herr kam „nicht um Sich
bedienen zu lassen, sondern um zu dienen“ und fordert dies
auch von Seinen Jüngern: „Wer unter euch der Erste sein
will, der sei Diener und Knecht aller“. Wer von uns könnte
in Wahrheit sagen, er habe dieses Gebot des Herrn schon
erfüllt?
Zu dem ungleich größeren Rangunterschied zwischen Engel und
Mensch kommt nun für den Engel noch das Erbarmen Gottes zum
Menschen als Sünder! Manche Gleichnisse Jesu zeigen, dass
dieses Erbarmen Gottes selbst Menschen, und zwar gerade
äußerlich rechtschaffenen, frommen, (selbst-) gerechten
Menschen schwer begreiflich und annehmbar werden kann. Das
Gleichnis vom verlorenen Sohn und dessen älterem Bruder
macht dies besonders deutlich. Gerade dieses Gleichnis ist,
wie übrigens auch das vom verlorenen Schaf, in der
christlichen Literatur schon früh auf Engel und Mensch als
älteren und jüngeren Sohn des Vaters bezogen worden. Von
manchen Theologen wird die Offenbarung dieses Liebesplanes
Gottes „das Ärgernis des Kreuzes im Himmel“ genannt. (z.B.
Strothmann, Die Kirche als
Mysterium, S. 239)
Wie sehr musste die sich herabneigende Liebe Gottes zu dem
unter dem Engel stehenden Menschen schon als Geschöpf
(jüngerer Sohn) und erst recht als Sünder (verlorener Sohn)
den Engel bewegt oder auch getroffen haben. Sieht sie doch
aus wie eine unerhörte Bevorzugung des Menschen. Ist es
nicht so, dass auch uns so manche Gnadenwahl nicht
einleuchtet, nicht eingehen will? Dass Sünde und Erlösung
schon bei der Engelprüfung irgendwie einbezogen waren,
deutet das „große Zeichen am Himmel“ an, und zwar die
Geburtswehen, welche nach Gen 3,16 bereits mit dem
Sündenfall zusammenhängen (auch die geistigen Geburtswehen
der Miterlösung durch Maria, durch die Kirche).
So ist auch hier wieder Christus der zentrale Gegenstand
der Engelprüfung, diesmal nicht nur als Wahrheit, sondern
auch als Erbarmen und Gnade (vgl. Joh
1,17) .
Diese objektiven Aspekte der Engelprüfung, die wir bisher
betrachtet haben - es sind gewiss noch viel mehr, weil die
Erkenntnis des Engels weit über unsere Begriffe geht -
verbinden sich aber nun mit dem Anspruch, diesem Geschehen
der Erbarmung Gottes nicht nur zuzuschauen, sondern auch
selber aktiv mitzuwirken, Jesus Christus und Seinem
Heilsplan am Menschen zu dienen. Der Engel sollte also
Christus nachfolgen in die Knechtsgestalt (vgl.
Phil
2,7) . Die Treue
zum Willen Gottes verlangte somit eine äußerste Demut und
selbstloseste Liebe, die unser Menschenmaß weit übersteigt.
Wie wir gesehen haben, entscheidet sich zuerst der Engel,
der am schnellsten und weitesten gesehen hat, was hier auf
die Engel zukommt: Luzifer, der zum Drachen wird und „ein
Drittel der Sterne“ mit sich reißt.
Papst Johannes Paul II schreibt dazu in seinen
Engel-Katechesen: „Wie soll man eine solche
Opposition und Rebellion gegen Gott bei solchen Wesen
verstehen, die doch mit so lebendigem Intellekt begabt und
mit solcher Geistesklarheit ausgestattet waren? Was kann
der Grund für eine so radikale und nicht mehr rückgängig zu
machende Entscheidung gegen Gott sein? Was kann der Grund
für einen so tiefen Hass sein? Er kann eigentlich nur als
Frucht des Wahnsinns erscheinen! Kirchenväter und Theologen
zögern nicht, von Verblendung zu sprechen, hervorgerufen
durch Überschätzung der Vollkommenheit des eigenen Seins
und so weit getrieben, dass diesen reinen Geistern die
Oberhoheit Gottes verschleiert wurde, der von ihnen einen
Akt williger und gehorsamer Unterwerfung verlangt hatte.
Das alles scheint überaus treffend in den Worten
ausgedrückt zu sein: ‚Ich will nicht dienen‘
(Jer 2,20) . Diese Worte zeigen
die radikale, nicht mehr rückgängig zu machende Weigerung,
am Aufbau des Reiches Gottes in der geschaffenen Welt
teilzunehmen. Satan, der rebellische Geist, will sein
eigenes Reich, nicht das Reich Gottes. Aus der Auflehnung
und der Sünde Satans, wie auch der des Menschen, müssen
wir, die weise Erfahrung der Hl. Schrift aufgreifend, den
Schluss ziehen: ‚Der Stolz führt ins
Verderben‘ (Tob
4,13) “.
(2.Katechese,5)
Da die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus
Christus,
Seinem Mensch gewordenen Sohn zum Höhepunkt und Abschluss
kommt, scheiden sich gerade an ihm
die Geister. Denn
in Christus wird offenbar, wer Gott ist. Christus ist der
Anfang und das Ende, ist das Zentrum der ganzen
geschaffenen Welt und damit auch Zentrum der Welt der
Engel. „Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen....
Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand. Denn
Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch
ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden
wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am
Kreuz durch sein Blut“ (Kol
1,16b.17.19f.).
In diesem Zusammenhang können wir auch verstehen, dass wir
die Engel nur über Jesus Christus recht verstehen können.
Der Lohn für die treuen Engel war die „Visio beatifica“,
die beseligende Gottesanschauung. D. h. von nun an konnten
sie Gott nicht nur im geschöpflichen Lichte erkennen,
sondern Ihn im übernatürlichen Licht seiner Glorie schauen,
was für uns Menschen erst im Himmel möglich wird. Die Treue
der guten Engel wird belohnt durch die Treue Gottes, der
sie im Guten befestigt. Sie können nicht mehr sündigen,
denn nun ist die Treue förmlich in ihr verklärtes Wesen
übergegangen. In Treue begleiten sie den Sohn Gottes bei
seiner Menschwerdung und dienen ihm in seinem Heilsplan am
Menschen und der ganzen Schöpfung.
Daher kommt es, dass wir Menschen die hl. Engel als
treueste, hilfsbereite Freunde haben.