Die heiligen
Engel in der heiligen Schrift - Teil 1
Dezember 2005
Wir stehen im Advent. Die Worte St. Gabriels an Maria bei
der Verkündigung werden in diesen Wochen immer wieder in
der Liturgie gelesen. Es handelt sich hier um eine der
vielen Stellen in der Heiligen Schrift, die von den Engeln
berichtet.
Genau das ist auch das geistliche Thema dieses Rundbriefes,
welches wir in den kommenden Rundbriefen fortsetzen und
vertiefen wollen: Die hl. Engel in der Heiligen Schrift.
Der hl. Hieronymus hat einmal gesagt: „Die Heilige Schrift
nicht kennen bedeutet, Christus nicht kennen.“
(Is.
prol.,
vgl. KKK
133) Ähnlicherweise
könnten wir sagen: Die
Heilige Schrift nicht kennen, bedeutet die hl. Engel nicht
kennen. Tatsächlich ist die Bibel das
„Buch der Engel“ schlechthin. Wenn die Heilige Schrift uns
Gott offenbart als den Schöpfer und Vollender, wenn sie uns
somit die ganze Heilsgeschichte offenbart, dann ist sie
auch Offenbarung der Engel – und zwar die fundamentale und
grundlegende Offenbarung über die hl. Engel.
Aus diesem Grund wollen wir uns zunächst fragen, welche
Bedeutung und welchen Stellenwert die Heilige Schrift für
uns hat. Wie wichtig und wie verbindlich ist für uns
Christen das, was die Heilige Schrift sagt und wie
verbindlich ist somit auch das, was die Bibel über die
heiligen Engel sagt?
Die Bedeutung
der Heiligen Schrift
Natürlich gibt es Abschnitte und Stellen in der Heiligen
Schrift, die wir nicht gleich „verstehen“ oder deren
Interpretation uns schwer fällt. Gerade deswegen gibt es
Exegeten und Theologen, um uns zu tieferen Verständnis der
Heiligen Schrift zu verhelfen. Ganz gewiss will die Kirche,
dass die Gläubigen sich der Lektüre der Bibel widmen. In
der Dogmatischen Konstitution über die Göttliche
Offenbarung (Dei Verbum
21) sagt das
Konzil:
„Dem
Wort Gottes wohnt eine so große Macht und Kraft inne, dass
es für die Kirche Stütze und Leben und für die Kinder der
Kirche Glaubensstärke, Seelenspeise und reiner,
unversiegbarer Quell des geistlichen Lebens ist.“ Deshalb
ermahnt die Kirche alle Gläubigen „besonders eindringlich,
durch häufige Lesung der Göttlichen Schriften, die
überragende Erkenntnis Jesu Christi‘ (Phil 3,8) zu
erlangen.” (Dei Verbum
25).
Wenn wir die Heilige Schrift lesen dürfen wir uns immer
bewusst sein, dass sie Wort Gottes ist. Gott selbst spricht
zu uns durch die Worte der Heiligen Schrift. Was zählt ist
nicht nur die Bildung, sondern vor allem der Glaube und die
Bereitschaft, die Worte der Heiligen Schrift als Worte
Gottes anzunehmen, auch als Wort Gottes an mich.
Die Konzilskonstitution „Dei Verbum“ lehrt im Einklang mit
der ganzen Tradition, dass Gott selbst der Urheber, der
Autor, der Heiligen Schrift ist:
„Die
heilige Mutter Kirche hält aufgrund apostolischen Glaubens
die Bücher sowohl des Alten wie des Neuen Testamentes in
ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen für heilig und
kanonisch, weil sie, auf Eingebung des Heiligen Geistes
geschrieben, Gott zum Urheber [Autor] haben und als solche
der Kirche übergeben sind.“ (Dei Verbum
11).
Die inspirierten Bücher der Heiligen Schrift lehren die
Wahrheit: ,,Da also all das, was die inspirierten Verfasser
oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist
ausgesagt gelten muss, ist von den Büchern der Schrift zu
bekennen, dass sie sicher, getreu und ohne Irrtum die
Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in
heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte“
(Dei
Verbum 11).
Daraus folgt auch: alles, was die Heilige Schrift über die
Engel sagt, sagt letztlich Gott selbst über die Engel. Die
Heilige Schrift lehrt über die Engel „sicher, getreu und ohne
Irrtum die Wahrheit“. Der Kirche kommt es
natürlich zu, diese Wahrheit zu hüten, auszulegen und zu
verkünden.
Das unmittelbare Ziel beim Lesen der Heiligen Schrift ist
nicht so sehr, dass wir alles
vollkommen
erfassen, sondern, dass wir Nahrung für das geistliche
Leben schöpfen. Wir sollen uns dabei fragen: Was will Gott
mir jetzt damit sagen? Wenn wir persönlich in der Bibel
lesen oder das Wort Gottes in der Liturgie hören, dann ist
es wichtig, dass wir uns öffnen, bewusst hinhorchen und uns
fragen: Was hat das für mein Leben zu bedeuten? Was will
Gott mir damit sagen?
Die Hl.
Schrift: das „Buch der Engel“
Was sagt nun die Heilige Schrift über die Engel? Die Engel
kommen mehr als 300 mal in der Heiligen Schrift vor, wobei
das Wort ‚Engel’ mehrmals an derselben Stelle benutzt wird.
Der hl. Augustinus sagt:
,,Engel‘ bezeichnet das
Amt, [die Aufgabe, Mittler und Botschafter zwischen Gott
und den Menschen zu sein] nicht die Natur. Fragst du nach
seiner Natur, so ist er ein Geist; fragst du nach dem Amt,
so ist er ein Engel: seinem Wesen nach ist er ein Geist,
seinem Handeln nach ein Engel“ (Psal.
103,1,15,.vgl. KKK
329)
Die Engel werden in der heiligen Schrift auch als „Diener
Gottes“ bezeichnet oder „Söhne Gottes“ genannt. Dann gibt
es Namen wie „Cherubim“ und „Seraphim“, die uns auch aus
der Liturgie geläufig sind. Und schließlich werden in der
Heiligen Schrift auch Engel mit ihren Namen genannt,
nämlich die Erzengel Gabriel, Michael und Raphael, deren
Fest die Kirche am 29. September feiert. Die Bibel lässt
die Engel sprechen und handeln, um Gottes Botschaft zu
übermitteln, um zu beschützen, um zu warnen, zu trösten
oder gegebenenfalls auch zu bestrafen.
Die Existenz der Engel zu leugnen würde bedeuten, die
Wahrheit der Heiligen Schrift zu leugnen. Das hieße, einen
ganzen Teil der Bibel für falsch zu erklären. Die Existenz
der Engel zu leugnen würde bedeuten, jede zweite Seite der
Bibel herauszureißen, wie es Kardinal Journet einmal
ausgedrückt hat.
Wir wollen heute und in den folgenden Rundbriefen einige
konkrete Stellen in der Heiligen Schrift betrachten, in
denen die Engel eine besondere Rolle spielen, zuerst im
Alten Testament und dann im Neuen Testament. Zunächst
wollen wir uns fragen: Was sagt die Heilige Schrift über
die Erschaffung und die Existenz der Engel?
Die
Erschaffung der Engel: Genesis 1
Im ersten Buch der Heiligen Schrift, dem Buch Genesis lesen
wir:
„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber
war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und
Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es
werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht
gut war.“ (Gen
1,1-4a) .
Gott schuf Himmel und Erde. Dazu sagt der Katechismus der
katholischen Kirche:
„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde
(Gen
1,1) . Mit diesen
feierlichen Worten beginnt die Heilige Schrift. Das
Glaubensbekenntnis übernimmt diese Worte, indem es Gott,
den Vater, den Allmächtigen, als den ,,Schöpfer des Himmels
und der Erde“ bekennt, ,,der die sichtbare und die
unsichtbare Welt“ geschaffen hat.“ (KKK
279)
Das Glaubensbekenntnis des Vierten Laterankonzils sagt:
Gott ,,schuf am Anfang der Zeit aus nichts zugleich beide
Schöpfungen, die geistige und die körperliche, nämlich die
der Engel und die der Welt: und danach die menschliche, die
gewissermaßen zugleich aus Geist und Körper besteht“
(DS 800, vgl. KKK
327)
Der Katechismus der katholischen Kirche erklärt an anderer
Stelle, dass die Bezeichnung “Himmel” nicht nur den Himmel
als Firmament bezeichnet, sondern vor allem als den “Ort”
Gottes und somit auch als den „Ort” der Engel:
„In der
Heiligen Schrift bezeichnet das Wortpaar ,,Himmel und Erde“
alles, was existiert: die gesamte Schöpfung. Es gibt auch
das Band an, das innerhalb der Schöpfung Himmel und Erde
zugleich vereint und unterscheidet: ,,die Erde“ ist die
Welt der Menschen [Vgl. Ps 115,16.] ,,der Himmel“ oder
,,die Himmel“ kann das Firmament bezeichnen [Vgl.
Ps
19,2.], aber auch
den eigentlichen ,,Ort“ Gottes - er ist ja unser ,, Vater
im Himmel“ (Mt 5, 16) [Vgl.
Ps
115,16.] - und
folglich auch den Himmel, der die endzeitliche Herrlichkeit
ist.
Schließlich bezeichnet das Wort
,,Himmel“ den ,,Ort“ der geistigen Geschöpfe — der Engel —,
die Gott umgeben.“ (KKK
326)
Gott sprach: Es werde Licht. Bei diesem Licht geht es nach
der Auslegung mancher Kirchenväter (z.B. des hl.
Augustinus) nicht um die Himmelsgestirne wie Sonne, Mond
und Sterne, deren Erschaffung im Buch Genesis ja erst am 4.
Schöpfungstag genannt wird, sondern bei diesem Licht
handelt es sich um die Engel. Die Engel wurden also am
ersten Schöpfungstag erschaffen. Sie werden deshalb in der
Theologie auch die „Ersterschaffenen“ genannt.