Die heiligen Engel in der heiligen Schrift - Teil 2
März 2006
 
Nachdem wir im letzten Rundbrief die Bedeutung der Hl. Schrift betrachtet haben und sahen, welch wichtige Rolle die Engel in der Bibel und somit in der Heilsgeschichte spielen, wollen wir nun auf einige konkrete Stellen im Alten Testament schauen, in denen die Engel eine besondere Aufgabe haben. Dabei liegt es nahe, das Wirken der hl. Engel besonders im Leben jener Persönlichkeiten des Alten Testaments zu betrachten, die uns aus der Liturgie und aus dem Religionsunterricht vertraut sind, angefangen von Abraham über Moses und die Propheten bis hin zum Buch Tobit, welches das Buch der Engel schlechthin im Alten Testament ist. Wir wollen gewissermaßen durch die Heilsgeschichte des Alten Testamentes gehen, welche das Kommen des Erlösers Jesus Christus vorbereitet hat und werden sehen, wie die hl. Engel im Auftrag Gottes immer wieder eingegriffen haben.

Dabei soll es uns in erster Linie um die Worte der Hl. Schrift selbst gehen und nur wenn es notwendig ist, wird eine Erklärung angefügt. Hinweise auf Stellen in der Hl. Schrift sollen deshalb auch eine Anregung sein, selbst nachzulesen und die Bibelstelle im betrachtenden Gebet zu überdenken. Wir werden sehen: Die Geschichte des auserwählten Volkes ist eine Geschichte, die vom Wirken und von der Hilfe der hl. Engel geprägt ist.


Abraham (um 1700 v.Chr.)

Schon im Leben des Stammvaters des auserwählten Volkes spielen Engel eine große Rolle. Ein erster ausdrücklicher Hinweis auf die Engel im Leben Abrahams steht im Bericht über die in die Wüste geflohene Magd Abrahams, Hagar: „Der Engel des Herrn fand Hagar an einer Quelle in der Wüste, an der Quelle auf dem Weg nach Schur. Er sprach: Hagar, Magd Sarais, woher kommst du, und wohin gehst du? Sie antwortete: Ich bin meiner Herrin Sarai davongelaufen. Da sprach der Engel des Herrn zu ihr: Geh zurück zu deiner Herrin, und ertrag ihre harte Behandlung! Der Engel des Herrn sprach zu ihr: Deine Nachkommen will ich so zahlreich machen, dass man sie nicht zählen kann. Weiter sprach der Engel des Herrn zu ihr: Du bist schwanger, du wirst einen Sohn gebären und ihn Ismael (Gott hört) nennen; denn der Herr hat auf dich gehört...“ (
Gen 16,7-12) .

Dann heißt es von Hagar: „Da nannte sie den Herrn, der zu ihr gesprochen hatte: El-Roï (Gott, der nach mir schaut). Sie sagte nämlich: Habe ich hier nicht nach dem geschaut, der nach mir schaut?“ (
Gen 16,13) .

Beim rätselhaften Besuch, den Abraham bei der Terebinthe Mamres von drei Männern erhielt (vgl.
Gen 18,1ff) , ist wieder von Engeln die Rede, ebenso beim Bericht über die Zerstörung von Sodom: „Die beiden Engel kamen am Abend nach Sodom. Lot saß im Stadttor von Sodom. Als er sie sah, erhob er sich, trat auf sie zu, warf sich mit dem Gesicht zur Erde nieder.“ (Gen 19,1ff) .

Schließlich wird wieder ausdrücklich ein Engel genannt bei der Schilderung des Opfers Abrahams, als er auf dem Berg Moria seinen einzigen, vielgeliebten Sohn Isaak opfern sollte: „Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus, und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten...

Der Engel des Herrn rief Abraham zum zweiten mal vom Himmel her zu und sprach: Ich habe bei mir geschworen - Spruch des Herrn: Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde einnehmen. Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast.“ (
Gen 22,9-18) .


Jakob (um 1650 v.Chr.)

Auf Jakob, den Sohn Isaaks und Rebekkas, den jüngeren Zwillingsbruder Esaus, gehört, wenn von Heiligen die Rede ist, denen Engel begegneten, unbedingt hingewiesen wegen der Vision von der Himmelsleiter, auf der Engel auf- und niederstiegen, zumal Jesus selbst ausdrücklich darauf angespielt hat (vgl. Joh 1,51) .

Jakob hat sich durch schlaue Täuschung seines Zwillingsbruders den Segen der Erstgeburt, den Esau ihm für ein Linsengericht verkauft hat, angeeignet und dadurch den Zorn seines Bruders Esau auf sich gezogen. Auf den Rat seiner Mutter Rebekka floh Jakob zu seinem Onkel Laban nach Haran (vgl.
Gen 27,41; 28,5) . Auf dem Weg von Beerscheba nach Haran übernachtete er in Beth-El. Hier wurde er im Traum durch die Vision von einer Himmelsleiter ermutigt.

Diese Vision wird in der Hl. Schrift so geschildert: „Jakob zog aus Beerscheba weg und ging nach Haran. Er kam an einen bestimmten Ort, wo er übernachtete, denn die Sonne war untergegangen. Er nahm einen von den Steinen dieses Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein. Da hatte er einen Traum: Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. Und siehe, der Herr stand oben und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks.“ (
Gen 28,10-13) .

Die Kirchenväter sahen in dieser Erscheinung ein Symbol der göttlichen Vorsehung und Weltregierung, die durch die Engel durchgeführt wird und die Jakob bezüglich seines Schicksals trösten sollte. Jakob kam sich damals (auf der Flucht vor seinem Bruder Esau) eher als ein Verfluchter vor denn als Gesegneter. Das nächtliche Gotteserlebnis bestärkte ihn in der Hoffnung, dass Gottes Segen ihn nie verlässt. Die Erscheinung soll Jakob die beruhigende Gewissheit geben, dass sein Leben unter Gottes und der Engel Schutz geborgen ist.

In den Erläuterungen der «Jerusalemer Bibel» wird die alle patristischen Deutungen gut zusammenfassende Bemerkung gemacht: „Mehrere Kirchenväter haben, Philo von Alexandrien folgend, in der Jakobsleiter ein Bild der Vorsehung gesehen, die Gott über die Erde durch den Dienst der Engel ausübt. Nach anderen war sie eine Vorausdarstellung der Menschwerdung des Ewigen Wortes als einer Brücke, die zwischen Himmel und Erde geschlagen wird.“


Moses (+ um 1200 v.Chr.)

Moses, der zur Zeit der Unterdrückung Israels in Ägypten geboren und von der Tochter des Pharao adoptiert wurde, dann aber dem Auftrag Gottes gemäß zum Führer und Befreier seines Volkes heranreifte, gehört unter den alttestamentlichen Vorbildern und Wegbereitern des christlichen Engelglaubens unbedingt genannt. 
Nach rabbinischer Überlieferung, die in der Rede des Erzmärtyrers und Diakons Stephanus im Neuen Testament ihren Niederschlag gefunden hat, ist dem Mose im brennenden Dornbusch Gott in einem Engel erschienen: „Diesen Mose, ... hat Gott als Anführer und Befreier gesandt durch die Hand des Engels, der ihm im Dornbusch erschien.“ (
Apg 7,35) .

Stephanus machte sich die ebenfalls rabbinische Überlieferung zu eigen, dass dem Mose am Sinai das Gesetz Gottes (die „10 Gebote“) durch Vermittlung der Engel übergeben worden sei: „...ihr, die ihr durch die Anordnung von Engeln das Gesetz empfangen, es aber nicht gehalten habt.“ (
Apg 7,53) . Dieser Überzeugung hat dann auch der hl. Paulus im Galaterbrief (Gal 3,19) Ausdruck verliehen: „Es [das Gesetz] wurde durch Engel erlassen...“

Am bedeutendsten ist aber unter allen Texten der Hl. Schrift, die auf eine Begegnung des Mose mit Engeln anspielen, jener ergreifende „Schutzengel-Text“, der von Mose dem Volk Israel in den Verheißungen und Anweisungen Gottes für den Einzug in Kanaan mitgeteilt wurde: „Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den Ich bestimmt habe. Achte auf ihn, und hör auf seine Stimme! Widersetz dich ihm nicht! Er würde es nicht ertragen, wenn ihr euch auflehnt; denn in ihm ist Mein Name gegenwärtig. Wenn du auf seine Stimme hörst und alles tust, was Ich sage, dann werde ich der Feind deiner Feinde sein und alle in die Enge treiben, die dich bedrängen.“ (
Ex 23,20-23).

Der dem Volk Israel von Gott gesandte Engel zieht vor ihm her, um es auf allen seinen Wegen zu behüten und in das Gelobte Land hineinzuführen; das Volk aber soll auf die Stimme des Engels hören und gegen ihn nicht widerspenstig sein. Hier ist die Überzeugung grundgelegt, die später weiter entfaltet wurde, dass das alttestamentliche Volk Gottes einen Schutzengel hat, ja dass alle Völker und jeder einzelne Mensch einen solchen himmlischen Beschützer von Gott zugewiesen bekommen haben.