Die heiligen
Engel in der heiligen Schrift - Teil 4
September 2006
In diesem 4. Teil unserer „Wanderung“ durch die Heilige
Schrift wollen wir drei Propheten des Alten Bundes
betrachten, die einerseits in ihren prophetischen
Schauungen und Offenbarungen viel über die hl. Engel sahen
und andererseits in ihrem Leben immer wieder den Beistand
und die Hilfe der hl. Engel erfahren durften: Es sind dies
Jesaja, Daniel und Ezechiel. Natürlich wird es nur möglich
sein, einige Stellen herauszugreifen. Dabei geht es uns
wieder in erster Linie um den Text der Hl. Schrift, der uns
anregen soll, das Wort GOTTES im betrachtenden Gebet zu
überdenken.
Jesaja
Dieser
alttestamentliche Prophet, von dem nur wenig bekannt ist,
sah in seiner Berufungsvision die Serafim um den Thron
GOTTES. Im 6. Kapitel des Buches Jesaja schildert der
Prophet diese Vision:
«Im
Todesjahr des Königs Usija sah ich den Herrn. Er saß auf
einem hohen und erhabenen Thron. Der Saum seines Gewandes
füllte den Tempel aus. Serafim standen über ihm. Jeder
hatte sechs Flügel: Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihr
Gesicht, mit zwei bedeckten sie ihre Füße, und mit zwei
flogen sie. Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig
ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die
ganze Erde erfüllt» (Jes 6,1-3).
Im Geiste oder in Wirklichkeit stand Jesaja im Tempel von
Jerusalem, genau gesagt an der Schwelle zum Eingang ins
Heiligtum. Da wurden seine Augen aufgetan, und er schaute
den Thron GOTTES und die anbetenden „Serafim“. Der Name
«Seraf» kann vom hebräischen «saraf»: brennen, hergeleitet
werden. Ein Seraf ist ein Brennender, ein Sich-Verzehrender
in der Liebe zu GOTT. Die Serafim sind gewissermaßen die
Engel der Liebe zu GOTT.
Jesaja sieht die Serafim mit sechs Flügeln, was symbolisch
die Stellung des Geschöpfes vor GOTT anschaulich
beschreibt:
1. Mit zwei Flügeln bedecken die Serafim ihr Antlitz, weil
die Lichtfülle GOTTES so stark ist, dass das geschöpfliche
Auge erblinden müsste. Damit soll ausgedrückt werden:
Niemand kann GOTT schauen. Auch Mose (Ex 3,6) und Elia (1
Kön 19,13) mussten ihr Antlitz verhüllen, als sie GOTT
begegneten.
2. Mit zwei Flügeln verhüllen die Serafim ihre Füße; denn
niemand kann GOTT je „ergehen“ oder „erwandern“. GOTT ist
unendlich und mit unserem Verstand nicht zu ergründen. Und
doch reißt es das Geschöpf, ob Mensch oder Engel, mit
unwiderstehlicher Anziehungskraft zu GOTT empor.
3. Daher halten die Serafim zwei ihrer Flügel ausgebreitet
in ständigem „Streben“ zu GOTT hin. GOTT ist das „mysterium
tremendum“, vor dem das Geschöpf erbebt und sich verhüllt,
aber auch das „mysterium fascinosum“, von dem das Geschöpf
unwiderstehlich angezogen wird. Genau das drückt sich in
der ehrfurchtsvollen Haltung der Serafim vor dem Thron
GOTTES aus.
Daniel
Der
Prophet Daniel wurde im Jahre 605 v. Chr. unter
Nebukadnezar nach Babylon verschleppt und dort mit anderen
für den Dienst am babylonischen Hof ausgebildet.
Er nahm infolge seiner Rechtschaffenheit und Weisheit unter
mehreren babylonischen und persischen Königen eine
einflussreiche Stellung ein. Im Buch Daniel, das sein Leben
und seine Visionen erzählt, ist sehr viel von Engeln die
Rede.
Daniels Fortführung in die Gefangenschaft und seine
Erziehung am königlichen Hof; er und seine Gefährten - treu
den göttlichen Gesetzen - übertreffen an Weisheit ihre
heidnischen Altersgenossen (Dan 1). Dann wird von der
harten Bestrafung dreier Gefährten Daniels im Feuerofen und
von ihrer wunderbaren Errettung durch einen Engel berichtet
(Dan 3,1-30). In der griechischen und lateinischen Textform
des Buches Daniel wird dann (Dan 3,24-50) das Gebet des
Asarja und der Gesang der drei Jünglinge im Feuerofen
eingefügt. Dabei heißt es im erzählenden Verbindungstext
nach dem Gebet des Asarja: «Aber der Engel des Herrn war
zusammen mit Asarja und seinen Gefährten in den Ofen
hinabgestiegen. Er trieb die Flammen des Feuers aus dem
Ofen hinaus und machte das Innere des Ofens so, als wehte
ein taufrischer Wind. Das Feuer berührte sie gar nicht; es
tat ihnen nichts zuleide und belästigte sie nicht.» (Dan
3,49-50).
Dann wird der Lobgesang der drei Jünglinge im Feuerofen
eingeleitet und wiedergegeben, wo es am Ende heißt:
«Preiset den Herrn, ihr Engel des Herrn, lobt Ihn und
erhebt Ihn in Ewigkeit ...» (Dan 3, 51-58).
Im 6. Kapitel wird Daniels Verurteilung wegen des Neides
der Statthalter geschildert, seine Errettung aus der
Löwengrube durch einen Engel, sowie die Bekehrung des
Perserkönigs Darius: «Darauf befahl der König, Daniel
herzubringen, und man warf ihn zu den Löwen in die Grube.
Der König sagte noch zu Daniel: Möge dein GOTT, dem du so
unablässig dienst, dich erretten. Und man nahm einen großen
Stein und wälzte ihn auf die Öffnung der Grube. ... Früh am
Morgen, als es gerade hell wurde, stand der König auf und
ging in Eile zur Löwengrube. Als er sich der Grube näherte,
rief er mit schmerzlicher Stimme nach Daniel und fragte:
Daniel, du Diener des lebendigen GOTTES! Hat dein GOTT, dem
du so unablässig dienst, dich vor den Löwen erretten
können? Daniel antwortete ihm: O König, mögest du ewig
leben. Mein GOTT hat seinen Engel gesandt und den Rachen
der Löwen verschlossen. Sie taten mir nichts zuleide; denn
in seinen Augen war ich schuldlos, und auch dir gegenüber,
König, bin ich ohne Schuld« (Dan 6,17-23).
Es folgen nun die Visionen, die in geheimnisvollen Bildern
die sich im GOTTESreich der Endzeit vollendenden
Weltgeschichte zeigen: «Ich sah immer noch hin; da wurden
Throne aufgestellt, und ein Hochbetagter nahm Platz. ein
Gewand war weiß wie Schnee, sein Haar wie reine Wolle.
Feuerflammen waren sein Thron, und dessen Räder waren
loderndes Feuer. Ein Strom von Feuer ging von ihm aus.
Tausendmal Tausende dienten ihm, zehntausendmal
Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht nahm Platz, und
es wurden Bücher aufgeschlagen.» (Dan 7,7-10).
Dass es bei diesen «tausendmal Tausend», die dem
Hochbetagten, dem ewigen GOTT dienten, und bei den
«zehntausendmal Zehntausend», die den Thron GOTTES
umstanden, um Engel handelt, kann aus dem Buch der Geheimen
Offenbarung erschlossen werden, wo Johannes eine ähnliche
Vision hat: «Ich sah, und ich hörte die Stimme von vielen
Engeln rings um den Thron und um die Lebewesen und die
Ältesten; die Zahl der Engel war zehntausendmal zehntausend
und tausendmal tausend» (Offb 5,11).
So ist dem Propheten Daniel der Glaube an die Existenz der
hl. Engel und ihr Eingreifen sowohl in sein Leben als auch
in das Weltgeschehen ein starker Halt gewesen. Möge jeder
gläubige Christ auch in den schweren Stunden seines Lebens
sprechen können: «GOTT hat seinen Engel gesandt ...» (Dan
6,22).
Ezechiel
Der Prophet Ezechiel wurde 597 v. Chr. mit seinem Volk und
König Jojakin nach Babylonien verschleppt und südlich vom
heutigen Bagdad angesiedelt.
Ezechiels Berufung zum Prophetenamt fiel in das 13.
Regierungsjahr Nebukadnezars (vgl. Ez 1,1ff). Ezechiel
befand sich am Flusse Kobar; vermutlich war er gerade beim
Beten. Als er seine Augen erhob, sah er eine vom Norden
herkommende, von Blitzen durchzuckte Sturmwolke. Der
Prophet merkte: Es war keine gewöhnliche Wetterwolke.
Gestalten wurden darin erkennbar. Als er später das
Berufungserlebnis niederschrieb, suchte er die Wolke so
genau wie möglich zu beschreiben, konnte aber nur mit
Vergleichen an das Unsagbare, das er geschaut hatte,
heranführen: «etwas, das aussah wie...».
Ezechiel schaute die Herrlichkeit Jahwes, der auf Wagen der
Cherubim im Sturm einherfuhr: Vier Lebewesen, aber mit je
vier Flügeln, deren zwei ihre Leiber bedeckten und zwei so
ausgebreitet waren, dass sie sich mit den Flügeln der
anderen Wesen berührten. Sie trugen über ihren Häuptern
eine Platte. Auf der Platte stand der Thron Jahwes. Seine
Gestalt, in Lichtglanz und Feuer gehüllt, war nur
undeutlich zu sehen, jedenfalls menschenähnlich (vgl. Ez
1,22-28). Ezechiel wusste um die Bundeslade, die
Bezeichnung GOTTES als «des über den Cherubin Thronenden»
(1 Sam 4,4; 2 Sam 6,2; Ps 98/99,1; Ps 79/80,2).
Als Mose die Vorschriften für die Bundeslade erhielt, wurde
ihm aufgetragen: «In die Lade sollst du die Bundesurkunde
legen, die ich dir gebe. Verfertige auch eine Deckplatte
aus purem Gold, ... Mach zwei Cherubim aus getriebenem
Gold, und arbeite sie an den beiden Enden der Deckplatte
heraus! Mach je einen Cherubim an dem einen und dem andern
Ende; auf der Deckplatte macht die Cherubim an den beiden
Enden! Die Cherubim sollen die Flügel nach oben ausbreiten,
mit ihren Flügeln die Deckplatte beschirmen, und sie sollen
ihre Gesichter einander zuwenden; der Deckplatte sollen die
Gesichter der Cherubim zugewandt sein. Setz die Deckplatte
oben auf die Lade, und in die Lade leg die Bundesurkunde,
die ich dir gebe. Dort werde ich mich dir zu erkennen geben
und dir über der Deckplatte zwischen den beiden Cherubim,
die auf der Lade der Bundesurkunde sind, alles sagen, was
ich dir für die Israeliten auftragen werde» (Ex 25,16-22;
vgl. Hebr 9,5). König Salomon hielt sich an diese Weisung
GOTTES auch beim Tempelbau (vgl. 1 Kön 6,23f).
Von keinem Engelchor ist ja im Alten Testament so oft die
Rede, nämlich rund achtzig Mal. Die vier Wesen, die
Ezechiel schaute, waren nicht mehr Kunstzierrat, waren
lebendige Wesen, die vom Geist getrieben wurden, wohin GOTT
wollte. Im Alten Testament sind die Cherubim Begleiter und
Thron GOTTES, die Seine Gegenwart offenbaren. Im letzten
Buch des Neuen Testamentes treten die vier lebenden Wesen
wiederum stark hervor. Johannes schaut sie anbetend vor dem
Thron GOTTES (vgl. Offb 4,6-9) und des Lammes (vgl. Offb
5,6-14). Immer wieder greifen sie in entscheidenden
Momenten in die Heilsgeschichte ein (vgl. Offb 6,1-8;
15,7), bis Himmel und Erde neu geschaffen werden (vgl. Offb
21,1-5).